Der Kampf um jede Arbeitskraft
Die Frage klingt provokant, ist aber längst keine theoretische mehr: Wer wird dieses Jahr die Früchte in Österreichs Obstanlagen ernten?
Der Mangel an Arbeitskräften in der EU spitzt sich von Jahr zu Jahr weiter zu. Die Folge: Immer mehr Betriebe sind gezwungen, auf Arbeitskräfte aus Drittstaaten zu setzen.
Rumänien galt lange Zeit als wichtigste Herkunftsregion für Saisonarbeitskräfte im Obstbau. Viele Betriebe berichten mittlerweile jedoch von zunehmenden Problemen: Vereinbarte Arbeitskräfte treten ihre Stelle nicht an, verlassen den Betrieb nach kurzer Zeit wieder oder stehen für eine verlässliche Zusammenarbeit nicht ausreichend zur Verfügung.
Gleichzeitig machen die hohen Lohnnebenkosten Österreich im europäischen Wettbewerb um Arbeitskräfte deutlich weniger attraktiv. Dass sich die Betriebe zunehmend nach Alternativen umsehen, ist daher wenig überraschend. Arbeitskräfte aus Drittstaaten haben sich in den vergangenen Jahren vielerorts bewährt. Positive Erfahrungen haben sich herumgesprochen und gleichzeitig entstehen immer mehr spezialisierte Vermittlungsagenturen.
Doch der Zugang zu diesen Arbeitskräften ist alles andere als einfach. Wer eine Person aus einem Drittstaat beschäftigen möchte, muss in Österreich ein aufwendiges und langwieriges Verfahren durchlaufen. Neben dem Visum ist unter anderem ein sogenanntes Ersatzkraftverfahren erforderlich, bei dem geprüft wird, ob für die Stelle eine geeignete Arbeitskraft aus Österreich oder der EU verfügbar ist. Erst wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind, kann ein Kontingentplatz vergeben werden. Genau hier liegt aber das Problem: Die Zahl dieser Kontingentplätze ist streng begrenzt. Aus Sicht der Betriebe ist das schwer nachvollziehbar. Durch das Ersatzkraftverfahren wird eine umfangreiche Prüfung durchgeführt, der Zugang zu dringend benötigten Saisonarbeitskräften wird aber trotzdem künstlich eingeschränkt.
Die steigende Nachfrage nach Drittstaatsarbeitskräften führt in Österreich dieses Jahr zu einer besonders angespannten Situation. Die auf die Bundesländer verteilten Kontingente wurden bereits im Mai außergewöhnlich stark ausgeschöpft – vor allem aufgrund des hohen Bedarfs im Gemüsebau. Die Reservierungen für die kommenden Monate zeigen deutlich, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird. Zwar besteht die Möglichkeit, die Kontingente in den besonders nachfragestarken Monaten um bis zu 30 % zu überziehen – sofern im Jahresdurchschnitt die Gesamtquote eingehalten wird. Doch selbst diese Flexibilität reicht mittlerweile nicht mehr aus. Für Wien und Tirol besteht bereits ein Kontingentstopp, in der Steiermark und in Niederösterreich sind die verfügbaren Plätze nahezu ausgeschöpft.
Besonders alarmierend ist, dass die Apfelernte – die wichtigste Ernteperiode des österreichischen Obstbaus – noch vor uns liegt, während die Kontingente für die Monate August und September aber bereits jetzt stark ausgelastet sind. Es besteht die reale Gefahr, dass benötigte Arbeitskräfte aufgrund administrativer Beschränkungen nicht nach Österreich kommen können, obwohl sie für die Ernte dringend gebraucht würden.
Mitte Juni hatten wir die Möglichkeit, dieses Thema sowohl mit dem österreichischen Bundeskanzler als auch mit dem Innenminister zu besprechen. Darüber hinaus bemühen wir uns um einen Termin mit der Arbeits- und Gesundheitsministerin, in deren Zuständigkeitsbereich diese Fragen fallen. Unser Ziel ist es, die Dringlichkeit der Situation deutlich zu machen und langfristig Verbesserungen bei der Ausgestaltung und vor allem bei der Anzahl der verfügbaren Kontingentplätze zu erreichen. Da die Kontingente jeweils im Herbst neu festgelegt werden, benötigen wir jedoch auch rasche Lösungen für die laufende Saison.
Unsere Forderung ist daher klar: Für das Jahr 2026 muss die Möglichkeit geschaffen werden, die bestehenden Kontingente nicht nur um 30 %, sondern um bis zu 50 % zu überschreiten. Das ist jedoch keine dauerhafte Lösung. Langfristig braucht Österreich ein modernes und praxistaugliches System für Saisonarbeitskräfte. Für die aktuelle Saison wäre diese Maßnahme jedoch ein wichtiger Schritt, um sicherzustellen, dass die Ernte nicht am Mangel an Arbeitskräften scheitert. Denn am Ende steht eine einfache Frage: Was nützen monatelange Arbeit, Investitionen und Pflege, wenn das Obst reif am Baum hängt – und niemand da ist, um es zu ernten?
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