Zwischen Hitze, Hagel und Frost – Wetterextreme machen Risikomanagement zur Zukunftsfrage des Obstbaus
Der Obstbau gehört naturgemäß zu den Kulturen, die in besonderem Maße von der Witterung abhängig sind. Umso härter trifft uns der Klimawandel. Wetterextreme treten häufiger auf, erreichen neue Intensitäten und treffen unsere Kulturen in immer empfindlicheren Entwicklungsstadien. Gleichzeitig verändern sich die Betriebe. Die Produktion wird arbeits- und kostenintensiver, die Spezialisierung nimmt zu und jeder Produktionsschritt muss sitzen. Fehler oder unvorhersehbare Ereignisse lassen sich immer weniger ausgleichen. Damit wächst auch die Verwundbarkeit der Obstbaubetriebe gegenüber den Folgen des Klimawandels.
Bereits Ende April führten Frostereignisse vom 26. bis 29. April in Polen zu erheblichen Ernteausfällen und haben damit auch Auswirkungen auf den europäischen Obstmarkt. Die deutschen Obstbaubetriebe kamen zunächst vergleichsweise gut durch die Blüte. Der Fruchtansatz war vielerorts erfreulich. Umso härter trafen die nachfolgenden Wetterextreme unsere Kulturen.
Besonders eindrucksvoll war das letzte Juniwochenende mit Temperaturen von regional bis über 40 °C. Diese außergewöhnliche Hitze hat in nahezu allen Obstkulturen Schäden verursacht – allerdings mit deutlichen regionalen Unterschieden. Gleichzeitig wurde einmal mehr sichtbar, wie wichtig Investitionen in Präventions- und Schutzsysteme inzwischen geworden sind. Dort, wo Kulturen im Folientunnel oder unter Schutzanlagen stehen oder aber durch Kühlberegnung temperiert werden konnten, fielen die Schäden vielfach deutlich geringer aus.
Besonders betroffen waren die Freilanderdbeeren sowie Stachel- und Johannisbeeren. Vor allem reifende Bestände litten unter den extremen Temperaturen. Früchte verloren innerhalb kürzester Zeit ihre Vermarktungsfähigkeit, gleichzeitig beschleunigte sich die Abreife erheblich. Dort, wo die Früchte nicht regelrecht „verkochten“, konzentrierte sich die Ernte auf wenige Tage und stellte viele Betriebe vor erhebliche organisatorische und vermarktungstechnische Herausforderungen.
Ähnliche Beobachtungen wurden im Süßkirschenanbau gemacht. Regional waren insbesondere Früchte in den oberen Kronenbereichen so stark geschädigt, dass sie nicht mehr geerntet werden konnten. Auch hier führte die extreme Hitze zu einer sehr schnellen Abreife, die sowohl die Ernteorganisation als auch die Fruchtqualität und -größe erheblich beeinträchtigte.
Im Apfelanbau standen vor allem Sonnenbrandschäden im Vordergrund. Sie traten nahezu bundesweit auf, wenn auch regional unterschiedlich stark. Besonders betroffen waren Anbaugebiete im Westen und Osten Deutschlands . In den am stärksten betroffenen Anlagen werden derzeit Schäden an bis zu zehn Prozent der Früchte festgestellt – ein erheblicher wirtschaftlicher Verlust, der sich erst zur Ernte vollständig beziffern lassen wird.
Das Hitzewochende Ende Juni wurde Deutschlandweit beachtet. Hagelschäden treten regionaler auf und werden oft kaum wahrgenommen. Dass selbst durch kürzeste Hagelereignisse die Ernten der betroffenen Betriebe innerhalb von wenigen Minuten vernichtet werden können, ist für Außenstehende schwer vorstellbar. Im Juni diesen Jahres wurde das größte Apfelanbaugebiet Deurtschlands, das Alte Land, gleich vier Mal getroffen. Nach aktuellem Stand sind rund zwei Drittel der Anbaufläche betroffen. Auf etwa einem Drittel der Flächen müssen derzeit Schäden von mehr als 50 % erwartet werden. Laut aktueller Einschätzung (vom 2. Juli) ist zu erwarten, dass rund ein Drittel der Äpfel im Alten Land mit Hagelschäden geerntet werden. Die Zahlen werden sich im weiteren Saisonverlauf natürlich noch präzisieren (s. dazu auch Bericht der Hagelversicherung)
Diese Ereignisse machen die prekäre Situation der Betriebe im Norden deutlich. Denn während in süddeutschen Anbaugebieten der Ausbau von Hagelschutznetzen und die Förderung von Mehrgefahren- beziehungsweise Hagelversicherungen in den vergangenen Jahren wichtige Instrumente der Risikovorsorge geworden sind, stellt sich die Situation in Norddeutschland deutlich schwieriger dar. Der Anteil der Anlagen mit Hagelschutznetzen liegt dort noch bei unter fünf Prozent. Hinzu kommt, dass Niedersachsen den Obstbaubetrieben bislang keine Förderung für Mehrgefahren- oder Hagelversicherungen ewährt. Damit befinden sich die Betriebe des Alten Landes gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen z.B. in Baden-Württemberg oder Bayern in einem erheblichen Wettbewerbsnachteil – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Erzeugerpreise kaum Investitionen ermöglichen und Wetterrisiken deutlich zunehmen.
Risikomanagement wird immer mehr zur zentralen Zukunftsaufgabe des Obstbaus. Technische Schutzsysteme, Versicherungen und geeignete Förderinstrumente sind keine freiwilligen Zusatzmaßnahmen mehr, sondern zunehmend unverzichtbare Bausteine einer zukunftsfähigen Produktion. Doch es braucht es den politischen Willen, die Betriebe bei diesen Investitionen zu unterstützen und bundesweit vergleichbare Rahmenbedingungen zu schaffen.
Wie ein zeitgemäßes Risikomanagement im Obstbau aussehen kann und welche Möglichkeiten Prävention, Schutzsysteme und Versicherungen bieten, darüber sprechen wir in unserem aktuellen Podcast mit der Vereinigten Hagelversicherung und der Gartenbau-Versicherung.
News & Infos
Polen rechnet mit einem Verlust von rund 30 % der Apfelernte
Nach vorsichtigen Schätzungen (inoffizielle Prognose) wird in Polen in diesem Jahr im Vergleich zur Ernte des letzten Jahres fast ein Drittel weniger Äpfel angebaut, was rund 3 Millionen Tonnen bedeuten würde. Es war eine sehr schwierige Zeit für alle polnischen Obsterzeuger, die auf jede erdenkliche Weise versucht hatten, die Frostschäden zu minimieren.
Bald als Berufskrankheit anerkannt?
Die Anerkennung einer Erkrankung als Berufskrankheit bietet Betroffenen einen umfassenden Schutz und vielfältige Unterstützungsleistungen durch die gesetzliche Unfallversicherung. Nun hat der Ärztliche Sachverständigenbeirat (ÄSVB) empfohlen, das „Parkinson-Syndrom durch Pestizide“ als neue Berufskrankheit in die Berufskrankheiten-Verordnung aufzunehmen.
Huelva: Beerenkampagne abgeschlossen
Nach Informationen von Freshuelva (Verband der Erdbeerproduzenten und –exporteure von Huelva) wurde die Erdbeersaison 2023/24 mit einer Produktion von 221.412 t beendet. Das ist ein Rückgang von 9 % gegenüber dem Vorjahr.
Asiatische Hornissen auf dem Vormarsch
Grundsätzlich sind Hornissen scheu und verteidigen sich und ihr Nest nur, wenn sie sich angegriffen fühlen. Die Stiche der heimischen Europäischen Hornissen sind kaum gefährlich für Menschen, es sei denn, Personen reagieren allergisch auf Insektengift. Etwas anders sieht es aus, wenn es sich um Asiatische Hornissen handelt, die aktuell von Süden her nach Deutschland einwandern.
Dem Schimmel und dem Geschmack gleichermaßen auf der Spur
Erdbeeren schimmeln schnell und müssen entsprechend häufig mit Pflanzenschutzmitteln behandelt werden. Der Bedarf an Alternativen zur Bekämpfung dieser Schimmelpilze ist hoch. In einer Studie der Universität Antwerpen wurde nun herausgearbeitet, dass bestimmte Bakterien auf den Erdbeerpflanzen zu weniger Schimmel und möglicherweise zu mehr Geschmack führen.
Top-Betriebe benötigen Top-Informationen
Unter dem Motto „Top-Betriebe benötigen Top-Informationen“ lädt das Zentrum für Betriebswirtschaft im Gartenbau e. V. (ZBG) Unternehmen aus dem Obstbau zur Teilnahme am Betriebsvergleich im Gartenbau ein. Finanziert durch Bund
WAPA: Europäische Apfelbestände um 7 % zugenommen
Aktuelle Zahlen der WAPA (World Apple and Pear Association) zeigen, dass die Apfelbestände in der EU im Vergleich zum Vorjahr 2023 um 7 % auf 715.578 Tonnen zugenommen haben. Die Birnenbestände sind sogar um 31,1 % auf 71.273 Tonnen gestiegen. Die WAPA veröffentlichte die Zahlen zu den Apfel- und Birnenbeständen in der EU immer zum 1. Juni 2024.
Schülerzahl an Fachschulen für Grüne Berufe sinkt erneut
Im Jahr 2023 sank die Schülerzahl an den ein- und zweijährigen Fachschulen gegenüber dem Vorjahr um 161. Damit setzt sich der rückläufige Trend der vergangenen Jahre fort.
Japankäfer: gefährlicher Pflanzenschädling im deutschen Grenzgebiet
Der meldepflichtigen Japankäfer (Popillia japonica) wurde in Basel - und damit in unmittelbarer Nähe zur deutschen Grenze gesichtet. Die Europäische Union stuft den Japankäfer als so genannten „prioritären Quarantäneschädling“ ein, dessen Auftreten durch jedermann meldepflichtig ist.
EU-Hilfen bei Frostschäden auch für deutsche Betriebe?
Die EU-Kommission hatte in dieser Woche Krisenhilfen aus der Agrarreserve für Österreich, Tschechien und Polen in Höhe von 62 Millionen Euro in Aussicht gestellt, um die dortigen Ertragsausfälle durch Frost- und Hagel in Obst-, Gemüse- und Weinbaubetrieben zu kompensieren – ohne Deutschland in die Hilfsmaßnahme einzubeziehen.
Der Bundesrat stimmt neuem Düngegesetz nicht zu
Der Bundesrat hat in seiner Plenarsitzung am 5. Juli 2024 dem zweiten Gesetz zur Änderung des Düngegesetzes die Zustimmung verweigert. Das Gesetz sollte unter anderem die Grundlagen für die Nährstoffbilanzverordnung und die Monitoringverordnung bilden.
Neue QS-Arbeitshilfe „Abdriftvermeidung“
Auswertungen aus dem QS-Rückstandsmonitoring belegen: QS-zertifizierte Erzeuger von Obst, Gemüse und Kartoffeln arbeiten bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln sehr sorgfältig. Dennoch kommt es trotz durchgängig guter fachlicher Praxis vor, dass Produkte aufgrund vorliegender Analyseergebnisse von QS beanstandet werden müssen.