Südtirol: Erste Kastanienfachtagung am Versuchszentrum Laimburg
Von der fachgerechten Lagerung über die Bekämpfung der wichtigsten Pflanzenkrankheiten bis zur Modernisierung der Ernte sowie zu Erfahrungen innovativer Betriebe: Das Versuchszentrum Laimburg hat dieses Jahr erstmals eine Kastanienfachtagung organisiert. Über 120 Forschende, Vertretungen der Verbände sowie Praktiker tauschten aktuelle Daten, praxistaugliche Lösungen und Zukunftsperspektiven aus, um die Widerstandsfähigkeit des lokalen Kastanienanbaus zu stärken.
Denn der Kastanienanbau befindet sich im Spannungsfeld zwischen Tradition, Innovation und neuen Herausforderungen. Kastanien sind in Südtirol eine landwirtschaftliche Nischenproduktion mit rund 400 Hektar produktiven Kastanienhainen, die vor allem in Hügel- und Mittelgebirgslagen liegen und überwiegend von kleinen Familienbetrieben bewirtschaftet werden.
Historisch wurde die Kastanie als „Brot der Armen" bezeichnet – heute rückt sie aufgrund ihres Nährwerts und ihrer Rolle für den Landschaftsschutz und die Artenvielfalt wieder stärker in den Vordergrund.
Folgen des Klimawandels
„In heißen und trockenen Sommern sind Jungbäume besonders anfällig für Sonnenbrand, insbesondere an Ästen und Stämmen, während mildere Herbstmonate die Ausbreitung pathogener Pilze begünstigen, die für die Fäulnis der Früchte verantwortlich sind. Der Klimawandel erfordert daher neue Strategien im Kastanienanbau", erklärte Giacomo Gatti, Forscher am Versuchszentrum Laimburg. Hinzukommt, dass pathogene Pilze zum Zeitpunkt der Ernte nicht sichtbar sind. „Im Jahr 2021 haben wir Proben von Kastanien gesammelt, die zunächst gesund wirkten. Nach nur fünf Tagen bei Raumtemperatur zeigten bereits 25 % der Früchte Anzeichen von Pilzinfektionen. Dies bestätigt, wie leicht verderblich Kastanien sind", so Gatti.
Umdenken erforderlich
Vor dem Hintergrund des Klimawandels rückt die Prävention entlang der gesamten Produktionskette in den Mittelpunkt. In Agroforstsystemen besteht die erste Managementmaßnahme in einer sorgfältigen Bewirtschaftung der Kastanienbestände sowie der Säuberung des Unterholzes. Nach Ansicht der Forschenden ist ein Umdenken erforderlich: „Die Kastanie ist keine Trockenfrucht, sondern eine Frischfrucht. Wir empfehlen, die heruntergefallenen Kastanien täglich zu ernten und die Früchte unmittelbar bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt zu kühlen", erklärte Gatti. Diese Kühlkette muss bis zum Verzehr aufrechterhalten werden. Das bedeutet, dass die Kastanien sowohl im Supermarkt als auch zu Hause im Kühlschrank gelagert werden sollten.
Die Forschungsaktivitäten rund um die Kastanie sind Teil des Forschungsprogramms „NURBS" (Nuts&Herbs), das in Zusammenarbeit mit der Fondazione Edmund Mach durchgeführt und von den Autonomen Provinzen Bozen und Trient gefördert wird.
Kastanie statt Apfel
Johann Laimer bewirtschaftet einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb auf fast 600 m ü.d.M. in der Nähe von Meran. Bis vor 25 Jahren waren die steilen Hänge rund um den Hof mit Apfelbäumen bepflanzt. Unter den Kronen zweier großer, jahrhundertealter Kastanienbäume auf dem Hof reifte schließlich die Idee, die steilen Flächen in einen Kastanienhain umzuwandeln. Heute umfasst der Landwirtschaftsbetrieb „Kösti" rund einen Hektar produktiven Kastanienhain sowie eine Baumschule, die auf die Produktion hochwertiger Jungpflanzen spezialisiert ist.
Doch es bestehen weiterhin Herausforderungen: Der Mangel an Arbeitskräften hat die Ernte im Laufe der Jahre zunehmend erschwert und unsicherer gemacht. Durch den Austausch von Ideen und Erfahrungen, auch auf internationaler Ebene, hat Laimer eine praktikable Lösung gefunden: Er verwendet große Netze aus der Olivenernte, die unter den Kastanienbäumen ausgebreitet werden, bevor die Früchte zu fallen beginnen. Die Netze und das Gefälle sorgen dafür, dass die Kastanien bergab rollen und sich an zuvor errichteten Sammelstellen anhäufen. Anschließend werden sie mit einer speziellen Saugmaschine eingesammelt und die Früchte von den Kastanienigeln getrennt. Die Kastanienigel werden zerkleinert, um im Sinne der Kreislaufwirtschaft als organische Substanz wiederverwertet zu werden.
„Dank der Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg konnten wir die Lagerung der Früchte weiter optimieren", so Laimer. „Wir haben einen Kühlraum angeschafft, in dem wir die Kastanien bei niedrigen Temperaturen lagern können. So bleibt ihre Qualität bis zu zwei Monate lang unverändert."
Forschung wichtiges Element
Alice Chiarani erzählte auf der Kastanienfachtagung von ihrer unternehmerischen Erfahrung sowie von der Bewirtschaftung und Wiederbelebung eines Kastanienanbaugebiets im Trentino. sie übernahm 2012, im Alter von 20 Jahren, die Leitung des Familienbetriebs in Drena und trat damit die Nachfolge ihres Vaters an, der plötzlich verstorben war. Der Betrieb befand sich damals in einer schwierigen Phase: Der etwa fünf Hektar große Kastanienhain, der größtenteils aus jahrhundertealten Marone di Drena-Bäumen bestand, war durch die Ausbreitung der invasiven Gallwespe stark beeinträchtigt, was zu einem Produktionsrückgang von 5.000-6.000 kg auf etwa 600 kg geführt hatte. Die junge Anbauerin hat die Gallwespe dank der Beratung durch die Fondazione Edmund Mach mithilfe eines natürlichen Gegenspielers wirksam eindämmen. Heute liegen die Erträge des Kastanienhains wieder bei rund 5.000 kg. Parallel dazu hat Chiarani den Betrieb diversifiziert, indem sie Bio-Kastaniencreme herstellt und den Betrieb als „Agriturismo" mit B&B-Angebot zertifizieren ließ.
„Forschung bleibt ein zentrales Element für die Zukunft des Kastanienanbaus. Der Klimawandel begünstigt die Entwicklung von pathogenen Pilzen und macht forschungsbasierte Lösungen notwendig – auch mit dem Beitrag von Einrichtungen wie der Fondazione Edmund Mach und dem Versuchszentrum Laimburg", betonte Alice Chiarani.
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