Südtirol: Erste Kastanienfachtagung am Versuchszentrum Laimburg

Fachgruppe OBSTBAU
178

Von der fachgerechten Lagerung über die Bekämpfung der wichtigsten Pflanzenkrankheiten bis zur Modernisierung der Ernte sowie zu Erfahrungen innovativer Betriebe: Das Versuchszentrum Laimburg hat dieses Jahr erstmals eine Kastanienfachtagung organisiert. Über 120 Forschende, Vertretungen der Verbände sowie Praktiker tauschten aktuelle Daten, praxistaugliche Lösungen und Zukunftsperspektiven aus, um die Widerstandsfähigkeit des lokalen Kastanienanbaus zu stärken.

Denn der Kastanienanbau befindet sich im Spannungsfeld zwischen Tradition, Innovation und neuen Herausforderungen. Kastanien sind in Südtirol eine landwirtschaftliche Nischenproduktion mit rund 400 Hektar produktiven Kastanienhainen, die vor allem in Hügel- und Mittelgebirgslagen liegen und überwiegend von kleinen Familienbetrieben bewirtschaftet werden.
Historisch wurde die Kastanie als „Brot der Armen" bezeichnet – heute rückt sie aufgrund ihres Nährwerts und ihrer Rolle für den Landschaftsschutz und die Artenvielfalt wieder stärker in den Vordergrund.

Folgen des Klimawandels
„In heißen und trockenen Sommern sind Jungbäume besonders anfällig für Sonnenbrand, insbesondere an Ästen und Stämmen, während mildere Herbstmonate die Ausbreitung pathogener Pilze begünstigen, die für die Fäulnis der Früchte verantwortlich sind. Der Klimawandel erfordert daher neue Strategien im Kastanienanbau", erklärte Giacomo Gatti, Forscher am Versuchszentrum Laimburg. Hinzukommt, dass pathogene Pilze zum Zeitpunkt der Ernte nicht sichtbar sind. „Im Jahr 2021 haben wir Proben von Kastanien gesammelt, die zunächst gesund wirkten. Nach nur fünf Tagen bei Raumtemperatur zeigten bereits 25 % der Früchte Anzeichen von Pilzinfektionen. Dies bestätigt, wie leicht verderblich Kastanien sind", so Gatti.

Umdenken erforderlich
Vor dem Hintergrund des Klimawandels rückt die Prävention entlang der gesamten Produktionskette in den Mittelpunkt. In Agroforstsystemen besteht die erste Managementmaßnahme in einer sorgfältigen Bewirtschaftung der Kastanienbestände sowie der Säuberung des Unterholzes. Nach Ansicht der Forschenden ist ein Umdenken erforderlich: „Die Kastanie ist keine Trockenfrucht, sondern eine Frischfrucht. Wir empfehlen, die heruntergefallenen Kastanien täglich zu ernten und die Früchte unmittelbar bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt zu kühlen", erklärte Gatti. Diese Kühlkette muss bis zum Verzehr aufrechterhalten werden. Das bedeutet, dass die Kastanien sowohl im Supermarkt als auch zu Hause im Kühlschrank gelagert werden sollten.
Die Forschungsaktivitäten rund um die Kastanie sind Teil des Forschungsprogramms „NURBS" (Nuts&Herbs), das in Zusammenarbeit mit der Fondazione Edmund Mach durchgeführt und von den Autonomen Provinzen Bozen und Trient gefördert wird.

Kastanie statt Apfel
Johann Laimer bewirtschaftet einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb auf fast 600 m ü.d.M. in der Nähe von Meran. Bis vor 25 Jahren waren die steilen Hänge rund um den Hof mit Apfelbäumen bepflanzt. Unter den Kronen zweier großer, jahrhundertealter Kastanienbäume auf dem Hof reifte schließlich die Idee, die steilen Flächen in einen Kastanienhain umzuwandeln. Heute umfasst der Landwirtschaftsbetrieb „Kösti" rund einen Hektar produktiven Kastanienhain sowie eine Baumschule, die auf die Produktion hochwertiger Jungpflanzen spezialisiert ist.
Doch es bestehen weiterhin Herausforderungen: Der Mangel an Arbeitskräften hat die Ernte im Laufe der Jahre zunehmend erschwert und unsicherer gemacht. Durch den Austausch von Ideen und Erfahrungen, auch auf internationaler Ebene, hat Laimer eine praktikable Lösung gefunden: Er verwendet große Netze aus der Olivenernte, die unter den Kastanienbäumen ausgebreitet werden, bevor die Früchte zu fallen beginnen. Die Netze und das Gefälle sorgen dafür, dass die Kastanien bergab rollen und sich an zuvor errichteten Sammelstellen anhäufen. Anschließend werden sie mit einer speziellen Saugmaschine eingesammelt und die Früchte von den Kastanienigeln getrennt. Die Kastanienigel werden zerkleinert, um im Sinne der Kreislaufwirtschaft als organische Substanz wiederverwertet zu werden.
„Dank der Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg konnten wir die Lagerung der Früchte weiter optimieren", so Laimer. „Wir haben einen Kühlraum angeschafft, in dem wir die Kastanien bei niedrigen Temperaturen lagern können. So bleibt ihre Qualität bis zu zwei Monate lang unverändert."

Forschung wichtiges Element
Alice Chiarani erzählte auf der Kastanienfachtagung von ihrer unternehmerischen Erfahrung sowie von der Bewirtschaftung und Wiederbelebung eines Kastanienanbaugebiets im Trentino. sie übernahm 2012, im Alter von 20 Jahren, die Leitung des Familienbetriebs in Drena und trat damit die Nachfolge ihres Vaters an, der plötzlich verstorben war. Der Betrieb befand sich damals in einer schwierigen Phase: Der etwa fünf Hektar große Kastanienhain, der größtenteils aus jahrhundertealten Marone di Drena-Bäumen bestand, war durch die Ausbreitung der invasiven Gallwespe stark beeinträchtigt, was zu einem Produktionsrückgang von 5.000-6.000 kg auf etwa 600 kg geführt hatte. Die junge Anbauerin hat die Gallwespe dank der Beratung durch die Fondazione Edmund Mach mithilfe eines natürlichen Gegenspielers wirksam eindämmen. Heute liegen die Erträge des Kastanienhains wieder bei rund 5.000 kg. Parallel dazu hat Chiarani den Betrieb diversifiziert, indem sie Bio-Kastaniencreme herstellt und den Betrieb als „Agriturismo" mit B&B-Angebot zertifizieren ließ.
„Forschung bleibt ein zentrales Element für die Zukunft des Kastanienanbaus. Der Klimawandel begünstigt die Entwicklung von pathogenen Pilzen und macht forschungsbasierte Lösungen notwendig – auch mit dem Beitrag von Einrichtungen wie der Fondazione Edmund Mach und dem Versuchszentrum Laimburg", betonte Alice Chiarani.

Über den Autor

Quelle: FreshPlaza

News & Infos

News & Infos

Bemühungen des Berufsstandes erfolgreich – EU-Krisenbeihilfe soll den Obstbau kurzfristig unterstützen

Die schwierige bis dramatische Situation vieler Obstbaubetriebe ist von der Politik erkannt worden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium will mit dem Geld aus dem dritten Hilfspaket der EU-Agrarreserve vor allem die deutschen Obsterzeuger unterstützen.

BMEL
7085
News & Infos

Solarpaket der Bundesregierung verabschiedet

Mit dem neuen Solarpaket bringt die Bundesregierung zentrale Maßnahmen auf den Weg, um den Photovoltaik-Ausbau und damit den Klimaschutz zu beschleunigen.

BMEL
5881
News & Infos

Bio-Logo für Restaurants, Kantinen und Co. kommt

Das Bundeskabinett hat die von Minister Cem Özdemir vorlegte Bio-Außer-Haus-Verpflegung-Verordnung (Bio-AHVV) und die Änderung der Öko-Kennzeichenverordnung zustimmend zur Kenntnis genommen. Damit ist der Weg frei für einen klaren Rechtsrahmen, mit dem Unternehmen mit wenig Aufwand Bio in ihren Küchen kennzeichnen können.

BMEL
6443
News & Infos

Frankreich: Schulterschluss von Produktion und Vermarktung

Wenn große Mengen und gute Qualität nicht reichen: Wettbewerbsdruck und unzureichende Nachfrage machen der französischen Steinobstbranche in diesem Sommer zu schaffen.

Inga Detleffsen
6742
News & Infos

Positive Aussichten für Kernobstsaison 2023

Für die Kernobstsaison 2023/24 bieten sich sehr gute Rahmenbedingungen, die schon im Start attraktive Preise für die Produzenten erwarten lassen:

Helwig Schwartau
6279
News & Infos

Hintergrundpapier: Lösungsvorschläge für eine konstruktive öffentliche Kommunikation zwischen Naturschutz und Landwirtschaft

Um dauerhaft und flächendeckend eine biodiversitätsfreundlichere Agrarlandschaft zu erreichen, ist die intensive und konstruktive Kommunikation zwischen allen beteiligten Akteuren aus Landwirtschaft und Naturschutz (Verbände, Behörden, Praxis, Wissenschaft etc.) eine zentrale Voraussetzung.

BFN
6903
News & Infos

Bewässerungsstrukturen: Versicherung für den zukünftigen Anbau und wesentlich artenfördernd!

Eine gesicherte Wasserversorgung wird in den kommenden Jahren mehr denn je zur Grundvoraussetzung für einen wirtschaftlich erfolgreichen Obstanbau in Deutschland werden. Gleichzeitig sind die Genehmigungsverfahren kompliziert, auch, weil viele Behörden den ökologischen Nutzen von Bewässerungsstrukturen – insbesondere in Trockengebieten, nach wie vor verkennen.

Fachgruppe OBSTBAU
6306
News & Infos

Glyphosat: Zukunft nach wie vor ungewiss Zeigen Sie Flagge!

Auch wenn die EU-Behörde Efsa nach den umfangreichsten Untersuchungen aller Zeiten den umstrittenen Wirkstoff Glyphosat für weitgehend unbedenklich erklärt hat, bedeutet dies per se nicht, dass Glyphosat in Deutschland eine Zukunft hat.

Fachgruppe OBSTBAU
6844
News & Infos

BOG: Lösungen statt Verbote - Wasserversorgung für Obstbaukulturen sichern

Der Bundesausschuss Obst und Gemüse (BOG) warnt vor falschen Schnellschüssen bei der Wasserversorgung von Obstkulturen in Deutschland. Die vom Niedersächsischen Umweltminister Meyer angestellten Überlegungen, den Anbau von Sonderkulturen wie Erdbeeren aufgrund ihres höheren Wasserbedarfs zu verbieten...

BOG
7159
News & Infos

Regionale Lebensmittel und Wertschöpfung stärken: BMEL fördert Projektideen

Kurze Transportwege, saisonale Produkte und einen sichtbaren Beitrag zum Klimaschutz leisten – der Einkauf regionaler Lebensmittel liegt im Trend.

BMEL
6842
News & Infos

Erste Prognose für 2023: 3% weniger Bioäpfel in Europa

Am 20. Juni 2023 fand in Österreich der Jahreskongress des Europäischen Bioobst-Forums (EBF) statt. Als Ergebnis wurde eine erste Ernteprognose 2023 für Bioäpfel herausgegeben. Prognostiziert wird ein Minus von 3% im Vergleich zum Vorjahr. Aber diese sehr frühe Prognose ist nur als Richtwert zu betrachten.

Bioobst Forum
6679
News & Infos

EFSA-Bewertung: Obstbau hofft nun auf offene Diskussion zu Glyphosat

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat keine Einwände gegen eine erneute Zulassung von Glyphosat in der Europäischen Union. In der Neubewertung des Wirkstoffs in Bezug auf das von ihm ausgehende Risiko für Mensch und Tier sowie für die Umwelt wurden keine kritischen Bereiche festgestellt, die Anlass zur Sorge geben.

Fachgruppe OBSTBAU
6255
Anzeige