Hochschule Osnabrück und Fachgruppe Obstbau entwickeln neue Richtlinie für nachhaltigen Obstbau
„IP 2030“ bündelt aktuelle Erkenntnisse und zeigt Wege für eine nachhaltige Obstbaupraxis
Wenn im Herbst die Äpfel geerntet werden, steckt darin weit mehr als die Arbeit am Baum. Wie viel Wasser wurde benötigt? Wie wurde der Boden geschützt? Welche Rolle spielen Nützlinge und Biodiversität? Und wie lässt sich der Anbau an die zu-nehmende Hitze und Trockenheit anpassen? Diese und ähnlichen Fragen haben sich Forscherinnen und Forscher der Hochschule Osnabrück gemeinsam mit der Bundesfachgruppe Obstbau im Rahmen des Projekts „IP 2030“ gestellt. Das Er-gebnis ist eine Richtlinie für die integrierte Produktion von Obst (IP), die sich sowohl an Personen aus dem Obstbau als auch an Politik, Handel, Verbraucherinnen und Verbraucher sowie die interessierte Öffentlichkeit richtet.
Das Projekt „IP 2030“ startete im April 2021 und wird durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) gefördert. Anlässlich des Pro-jektendes Ende September stellte Prof. Dr. Werner Dierend, Professur für Obstbau, nun bei der Sommertagung der Bundesfachgruppe Obstbau in Jork am 18. August 2026 die Ergebnisse der Forschung vor.
Ganzheitlicher Blick auf den Obstbau
Die Richtlinie nimmt den Obstbau als Ganzes in den Blick. Sie zeigt, wie ein nach-haltiger Anbau mit Wasser, Energie und anderen Ressourcen sowie der Erzeugung hochwertiger Lebensmittel zusammenhängt.
Ein Schwerpunkt liegt auf den Themen, die für den Obstbau und die Gesellschaft gleichermaßen wichtig sind. Dazu gehören der Umgang mit den Folgen des Klima-wandels, der Erhalt der biologischen Vielfalt sowie der Schutz von Böden, Gewäs-sern und Grundwasser. „Die Anlage von Blühstreifen und Sandflächen für Insekten in der Obstanlage, Hecken, Nisthilfen für Vögel, torfreduzierender Anbau oder eine wassersparende Tropfbewässerung sind beispielsweise wichtige Maßnahmen“, führt Prof. Dr. Werner Dierend an. Darüber hinaus behandelt die Richtlinie Fragen zu Energie- und Treibhausgasbilanz, zum Abfallaufkommen und zu Lebensmittel-verlusten bei der Erzeugung von Obst. Zudem bietet sie aktuelle fachliche Erkennt-nisse für die Obstbaupraxis und gibt Orientierung bei Fragen rund um Anbau und Pflanzenschutz
Integrierter Pflanzenschutz: differenziert entscheiden
„Eine zentrale Rolle in der Richtlinie nimmt der integrierte Pflanzenschutz ein. Er steht beispielhaft für die Weiterentwicklung der integrierten Produktion: Pflanzen-schutz wird nicht als einzelne Maßnahme verstanden, sondern als differenzierter Entscheidungsprozess“, erläutert Joerg Hilbers, Geschäftsführer Fachgruppe Obst-bau. Vorrang haben vorbeugende anbau- und kulturtechnische Maßnahmen – etwa Standort-, Sorten- und Unterlagenwahl, die Förderung der Pflanzengesundheit und die Nutzung natürlicher Regulationsmechanismen. Erst wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, kommen direkte Verfahren in Betracht. Dabei werden unter ande-rem Befallsentwicklung, Schad- und Eingreifschwellen, Witterung, Kulturzustand, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit sowie mögliche Auswirkungen auf Umwelt, Nütz-linge und Produktqualität gegeneinander abgewogen.
Der Anlass für die Neufassung waren veränderte rechtliche Rahmenbedingungen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse sowie die Auswirkungen des Klimawandels auf den Obstbau. Die Hochschule hat hier nicht einfach einen wissenschaftlichen Leitfaden am Schreibtisch entwickelt, sondern Wissenschaft, Beratung und Obst-baupraxis zusammengebracht. Die Richtlinie stellt die gelebte Praxis der Obstbau-betriebe in Deutschland im Rahmen der IP dar. Das Ziel ist die transparente Dar-stellung des deutschen Obstbaus sowie der Maßnahmen und zusätzlichen Mög-lichkeiten zum Umwelt- und Ressourcenschutz, die bereits heute umgesetzt wer-den.
Freiwilliger Leitfaden für die Obstbaupraxis
Im Unterschied zu einer gesetzlichen Vorgabe versteht sich die Richtlinie als fachli-cher Leitfaden für die Praxis. Die beschriebenen Maßnahmen und Empfehlungen sind freiwillig anwendbar und sollen Betriebe dabei unterstützen, standort- und be-triebsspezifisch nachhaltige Lösungen auszuwählen. Die Richtlinie dient damit als gemeinsame fachliche Grundlage für Betriebe, Beratungseinrichtungen und weite-ren Akteuren des Obstbaus sowie als gemeinsames Kommunikationsinstrument. Die Inhalte wurden im Projektverlauf kontinuierlich abgestimmt und in Zusammen-arbeit mit Fachleuten Experten, Beratern und der Obstbaupraxis erarbeitet. Mit der Veröffentlichung der IP-Richtlinie für Obst liegt eine aktualisierte Grundlage der IP für den deutschen Obstanbau vor. „Die Richtlinie soll keine zusätzlichen Vorgaben schaffen. Sie bietet Betrieben vielmehr eine gemeinsame fachliche Grundlage und unterstützt sie dabei, passende Lösungen für den jeweiligen Standort und Betrieb zu finden“, sagt Prof. Dr. Werner Dierend.
Mit der neuen IP-Richtlinie steht dem deutschen Obstbau damit eine aktuelle, ge-meinsam mit der Praxis entwickelte Grundlage für eine nachhaltige und zukunftsfä-hige Produktion zur Verfügung
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Werner Dierend
Hochschule Osnabrück
Professur für Obstbau
Tel.: 0541 969 - 5122
E-Mail: w.dierend@hs-osnabrueck.de
Joerg Hilbers
Fachgruppe Obstbau
Claire-Waldoff-Straße 7
10117 Berlin
Tel.: +49 30 200065 23
E-Mail: hilbers@obstbau.org
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