Copa-Cogeca: „Die europäische Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit kann zusammenbrechen – wie ein Kartenhaus.“
Der EU-Haushalt im nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) soll neu strukturiert werden. Für Landwirte könnte das Haushaltskürzungen bedeuten, denn die Mittel sollen dann auch in die Aufrüstung fließen. Im Rahmen der letzten Konferenz der Europäischen Kommission zum EU-Haushalt kam es deshalb zu spontanen Demonstrationen des Agrarsektors, die in einer zentralen Kundgebung in Brüssel gipfelten. Diese wurde gemeinsam von FWA, Boerenbond und Copa-Cogeca durchgeführt.
Mit den geplanten Reformen solle die EU in die Lage versetzt werden, unter anderem effektiver auf die volatile geopolitische Lage zu reagieren und Prioritäten neu zu justieren. So ist offensichtlich im Gespräch, den Agrarhaushalt mit einigen weiteren Fonds zu einem großen Topf zusammenzufassen. Damit könnten die Zuschüsse und Subventionen aus der GAP auch in andere Projekte umgeleitet werden – etwa in die Beschaffung von Waffen oder in den Wiederaufbau der Ukraine. Insgesamt sollten die Länder künftig mehr Kontrolle über ihre eigenen Agrarbudgets bekommen.
Kern der GAP gefährdet
Den EU-Haushalt in einen einzigen großen Geldtopf umzugestalten, damit die Länder ihre Mittel flexibler verwalten können, gefährdet jedoch den Kern der GAP. Denn in den Verhandlungen zu den Reformen soll es auch darum gehen, die zweite Säule der GAP ganz zu streichen.
Copa-Präsident Massimiliano Giansanti betonte während der Blitzaktion in Brüssel: „Das Haushaltsproblem ist alles andere als eine technische Frage; es ist eine zentrale politische Priorität. Ohne eine klare und geschützte Haushaltslinie zur Unterstützung des Agrarrahmens der EU besteht die Gefahr, dass die europäische Agrarpolitik wie ein Kartenhaus zusammenbricht.“ Deshalb könne der Zerfall der GAP in einen multiplen Fonds, bzw. jeglichen Versuch einer weiteren Renationalisierung, nicht akzeptiert werden. Copa-Cogeca fordert eine erneute Verpflichtung, mit einer eigens geschützten Haushaltslinie und einem inflationsangepassten GAP-Haushalt im nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen. Dabei sollen die beiden Eckpfeiler der GAP erhalten werden.
Starker Agrarhaushalt wichtig für ein widerstandsfähiges Europa
„Es kann einfach nicht sein, dass der Agrarhaushalt auf verschiedene Töpfe verteilt wird. Der Agrarhaushalt muss ausschließlich denjenigen vorbehalten sein, die tagtäglich für unsere Nahrungsmittelproduktion arbeiten“, bekräftigte der flämische Landwirtschaftsminister Jo Brouns. „Ein gemeinsamer, starker Agrarhaushalt ist wichtig für ein widerstandsfähiges Europa.“ Diese Idee wurde von den Gründungsvätern der EU vertreten und sei heute relevanter denn je.
Diese Forderung wurde von vielen Mitgliedern des Europäischen Parlaments gehört, die ihre Unterstützung für die Blitzaktion zeigten, nachdem sie letzte Woche klar gegen das Konzept des Einzelfonds gestimmt und die Priorität der Landwirtschaft bekräftigt hatten.
Die Botschaft erreichte auch die Europäische Kommission. Im Nachgang der Aktion fand ein Treffen zwischen den Führungen von Copa und Cogeca sowie Haushaltskommissar Piotr Serafin statt. Der Kommissar zeigte sich offen für weitere Gespräche mit europäischen Landwirten und Vertretern landwirtschaftlicher Genossenschaften. Und er versicherte der Führung von Copa-Cogeca, dass er sich für die Priorisierung der Lebensmittelsicherheit und die Unterstützung des Sektors durch die Gemeinsame Agrarpolitik engagiert.
Wie geht es nun weiter?
Die Diskussionen werden im Vorfeld des Haushaltsvorschlags der Europäischen Kommission im Juli fortgesetzt. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen hatte in der EU-Kommission vor der Umverteilung der GAP-Gelder zugunsten der Verteidigung gewarnt. „Es ist schwierig, einen Kontinent mit leerem Magen aufzubauen“, stellte er in einem Interview mit der Financial Times fest. Die Ernährungssicherheit dürfe nicht für die militärische Aufrüstung geopfert werden.
Endgültig werden jedoch die Mitgliedstaaten und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen entscheiden, wohin die Mittel fließen. Es sei mit größeren Demonstrationen zu rechnen, wenn die Reformen der GAP am 16. Juli offiziell gemacht würden und sich die Landwirte weiterhin bei den Entscheidungen außen vor gelassen fühlten, bekräftige Copa-Cogeca. Solange keine klaren Antworten vorliegen, wolle man die Demonstrationen in verschiedenen Formen fortsetzen. Denn die Verhandlungen betreffen eine grundlegende Frage für die Zukunft der europäischen Landwirtschaft.
Verwandte Artikel
News & Infos
Studie in Österreich: Bäuerliche Direktvermarktung als Alternative zum Handel
„Aktuell sind 29 % der Betriebe in der Direktvermarktung aktiv“, verkündete kürzlich Josef Moosbrugger, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich. „Dies bedeutet eine Steigerung gegenüber den letzten Erhebungen bedeutet."
Rückstandsmonitoring Pflaumen 2026: QS-Proben zum Erntestart ohne RHG-Überschreitungen
Zum Start der Erntesaison für heimische Pflaumen zeigt das aktuelle QS-Rückstandsmonitoring ein positives Bild: Keine der 70 untersuchten Proben wies eine Überschreitung der gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte (RHG) auf.
Kostenfreie QS-Infoposter zur Hand- und Arbeitshygiene bei der Ernte
Sauberkeit und Hygiene während der Ernte sind zentrale Bestandteile der QS-Anforderungen in der Obst- und Gemüseerzeugung. Passend zum Start der Erntesaison hat QS neu gestaltete Infoposter zur Hand- und Arbeitshygiene veröffentlicht.
Nitrat im Grundwasser: Deutschland liegt weit über EU-Schnitt
Nach dreijähriger Prüfung hat die EU-Kommission vergangene Woche ihre lang erwartete Evaluierung der Nitratrichtlinie veröffentlicht- und damit die erste umfassende Evaluierung der EU-Nitratrichtlinie seit deren Inkrafttreten im Jahr 1991 vorgelegt.
Aus drei mach eins: Aus BfR, MRI und BZfE wird ab 2029 das neue Bundesinstitut für Risikobewertung und Ernährung
Der Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer, treibt die Staats- und Verwaltungsmodernisierung in seinem Ressort weiter voran. Nach der Verschlankung von Strukturen im Bundeslandwirtschaftsministerium ist nun eine Zusammenlegung...
Hochschule Osnabrück und Fachgruppe Obstbau entwickeln neue Richtlinie für nachhaltigen Obstbau
Wenn im Herbst die Äpfel geerntet werden, steckt darin weit mehr als die Arbeit am Baum. Wie viel Wasser wurde benötigt? Wie wurde der Boden geschützt? Welche Rolle spielen Nützlinge und Biodiversität? Und wie lässt sich der Anbau an die zu-nehmende Hitze und Trockenheit anpassen?
Brandbrief der deutschen Obstbauern
Immer mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt. Die Situation ist damit so dramatisch, dass wir uns als Vertreter des deutschen Obstbaus erstmals seit vielen Jahren gezwungen sehen, uns mit einem öffentlichen Brandbrief an Politik, Handel und Verbraucher gleichermaßen zu wenden.
Hat der deutsche Obstbau eine Zukunft?
Martin Hahn MdL, agrarpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Baden-Württemberg bezieht Position zu Mindestlohn, Saisonarbeitskräften und weiteren drängenden Themen des Obstbaus.
Importe aus der Türkei und vom Balkan setzen Kirschpreise unter Druck
Die deutsche Kirschernte läuft auf Hochtouren. Dabei befinden sich die Preise im indirekten Absatz auf einem extrem niedrigen und für Erzeuger ruinösem Niveau.
Gartenbauwissenschaften: Neue Studienrichtung an der Universität Hohenheim
Wie können wir gartenbauliche Kulturen nachhaltig anbauen und dabei Wasser und Nährstoffe effizient nutzen? Wie kann man mit innovativen Anbaumethoden dem Klimawandel begegnen und gleichzeitig die Produktivität steigern?
EU-Agrarreserve für Düngemittel: 60 Millionen Euro für Deutschland
Die EU-Kommission hat kürzlich entschieden, wie die 540 Mio. Euro aus der Agrarreserve zur Abfederung der aktuellen Preiskrise bei Düngemitteln auf die Mitgliedstaaten verteilt werden sollen.
Update Verpackungsrecht: Was Sie jetzt zur neuen EU-Verordnung wissen müssen
Die neue europäische Verpackungsverordnung 2025/40 (PPWR – Packaging and Packaging Waste Regulation) bringt weitreichende Änderungen für die gesamte Agrarbranche mit sich. Ab dem 12. August 2026 gelten neue Spielregeln, die besonders die Verantwortlichkeiten und die Dokumentation von Verpackungen betreffen.