Copa-Cogeca: Beim Pflanzenschutz droht völliger Stillstand, wenn EU-Kommission nicht schnell handelt

Fachgruppe OBSTBAU
4414

”In den vergangenen zehn Jahren haben wir immer häufiger von europäischen Kollegen gehört, dass in bestimmten Kulturen, sei es im Gemüsebau, im Obstbau oder in der gartenbaulichen Pflanzenproduktion, die Produktion einfach eingestellt wurde, weil es an Lösungen zur Bekämpfung von Schädlingen oder Krankheiten fehlt”, erklären Max Schulman, finnischer Landwirt und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Pflanzengesundheit bei Copa-Cogeca, Johann Meierhöfer, Leiter des Bereichs Pflanzenbau/Energie im Deutschen Bauernverband, stellv. Vorsitzender der Arbeitsgruppe Pflanzengesundheit bei Copa-Cogeca, und Miguel Minguet, spanischer Landwirt, stellv. Vorsitzender der Arbeitsgruppe Pflanzengesundheit bei Copa-Cogeca. Sie machten deutlich, dass dieses Problem, das nur selten Schlagzeilen macht und in der Öffentlichkeit oft missverstanden wird, für die große Mehrheit der Produzenten eine große Quelle der Frustration und Entmutigung darstellt. Die Copa-Cogeca-Vertreter warnten eindrücklich, dass das, was früher die Ausnahme war, auf europäischer Ebene immer mehr zur Regel werde. So könnten innerhalb weniger Jahre alle großen landwirtschaftlichen Produktionen in Europa vor dem völligen Stillstand stehen.

Gefährdung der Ernährungssicherheit
Der Hintergrund: Seit 2001 ist die Zahl der verfügbaren Pflanzenschutzmittelwirkstoffe von 900 auf 422 Substanzen gesunken. Seit Juni 2019 gab es einen Nettoverlust von 85 Wirkstoffen, ohne dass ein einziges konventionelles Produkt zugelassen wurde, um die verlorenen Wirkstoffe zu ersetzen. Johann Meierhöfer und seine Kollegen machten in ihrem Statement deutlich, dass sich das Tempo dieser Rücknahmen aktuell rapide beschleunigt. Als „Herzstück“ des drohenden Wirkstoffmangels bezeichneten sie das Zulassungssystem für Pflanzenschutzmittel, das auf das Jahr 2009 zurückgeht und dessen Rahmen im Laufe der Zeit immer starrer geworden sei.
Sie verdeutlichten am Beispiel der Kartoffel auch für Laien verständlich, welche Folgen der mittlerweile bedrohlich gewordene Wirkstoffmangel nicht nur für die Anbauer, sondern auch für die Verbraucher bedeutet: „Wenn wir nur ein einziges überzeugendes Beispiel wählen müssten, um die Risiken zu verdeutlichen, die das Ausbleiben konkreter politischer Maßnahmen für uns alle mit sich bringt, dann nehmen wir den markanten Fall der Kartoffel. Auch heute noch bedroht die Kraut- und Knollenfäule, dieselbe Krankheit, die seinerzeit die irische Kartoffelknappheit verursachte und zu einem Massenexodus der Bevölkerung nach Amerika führte, die Ernten. Während die Landwirte noch vor wenigen Jahren über eine Vielzahl von Mitteln zur Bekämpfung dieser pilzlichen Erkrankung verfügten, schwinden ihre Möglichkeiten heute rapide. Ohne sofortige Maßnahmen könnten die Kartoffelerträge deshalb in naher Zukunft um bis zu 50 % zurückgehen, was nicht nur die Lebensgrundlage der Landwirte, sondern auch die Ernährungssicherheit und -souveränität Europas bedrohen würde.

Spiel mit der Zeit
Die drei Vertreter der Landwirtschaft auf EU-Ebene mahnten, dass jedes Jahr, das verstreicht, den Wettlauf mit der Zeit schwieriger mache. Schon bald werde Europa nicht mehr den Luxus großer theoretischer Debatten haben, sondern mit der harten Realität konfrontiert sein, die schnell näherrücke, sei es durch immer häufiger auftretende Krisen, die unsere Produktion beeinträchtigen, oder durch die zunehmende Inkohärenz und eklatante Ungerechtigkeit im Zusammenhang mit Agrar- und Lebensmittelimporten, die weder unsere Standards noch unsere Verbote einhalten.

Die EU-Kommission als Hoffnungsträger
Hoffnung in dieser Frage für den Agrarsektor könnte nun aber von der Kommission kommen. Die führende Institution der EU ist sich des Problems und der Herausforderungen, die es sowohl für den Binnenmarkt als auch für unsere Einfuhren mit sich bringt, offensichtlich voll bewusst. In der ’Vision für die Zukunft der Landwirtschaft’ wurden starke und klare Grundsätze zu diesem Thema formuliert, wie z.B. die Idee ’kein Verbot ohne Alternativen’. Dies müsse sich nun jedoch in der Praxis und durch konkrete Maßnahmen widerspiegeln, wie Copa Cogeca fordert. Sie sollten insbesondere in dem für Herbst 2025 angekündigten Vereinfachungspaket enthalten sein.

Es ist fünf vor 12
Gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Pflanzenschutz machten Max Schulman, Johann Meierhöfer und Miguel Minguet nun folgenden Vorschlag: Vier einfache Grundsätze könnten dazu beitragen, das Schlimmste zu verhindern, und gleichzeitig den Landwirten und Interessenvertretern der Branche eine Perspektive bieten. Sie lauten wie folgt:

  • Das derzeitige Verfahren zur Wiederzulassung muss überarbeitet werden – unter fairer Berücksichtigung des Kosten-Nutzen-Risiko-Verhältnisses. Zu viele Wirkstoffe werden aus Gründen von der Liste gestrichen, die nach Ansicht des Berufsstandes nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert sind oder auf einer falschen Risikokalkulation beruhen.
  • Die Zulassung alternativer Lösungen, wie biologische Pflanzenschutzmittel und/oder neue genomische Techniken, müsse unterstützt, gefördert und beschleunigt werden. Allerdings brauchen Forschung und Kommerzialisierung Zeit. Deshalb müssen praktische Übergangsregelungen in Betracht gezogen werden, um eine Ausbreitung von Blockaden zu vermeiden.
  • Initiativen zur agronomischen und technischen Unterstützung der Landwirte bei der Umstellung auf neue Pflanzenschutzmethoden müssen unterstützt werden.
  • Wo immer möglich, müsse den Schutz der europäischen Standards in der Handelspolitik gestärkt werden. Andernfalls werden die Landwirte in Europa in zunehmendem Maße mit einem ’Leck im Pflanzenschutz’ konfrontiert sein.

In Sachen Pflanzenschutz, aber auch in vielen anderen Bereichen der Landwirtschaft, spiele Europa in den kommenden Monaten um seine Zukunft - und auch um seine Ernährungssicherheit. Die drei Vertreter von Copa-Cogeca machten unmissverständlich deutlich: „Wenn wir nicht in der Lage sind, uns um unsere Pflanzen zu kümmern, wird es nichts mehr geben, worüber man sagen könnte: ’Guten Appetit, das kommt aus Europa’. Zwischen politischem Dogmatismus und einem unhaltbaren Status quo gibt es einen vernünftigen Weg, der durch pragmatische Entscheidungen und den Dialog mit den Vertretern der Landwirtschaft gestaltet werden kann.”

Über den Autor

Quelle: Copa-Cogeca

News & Infos

News & Infos

Brandbrief der deutschen Obstbauern

Immer mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt. Die Situation ist damit so dramatisch, dass wir uns als Vertreter des deutschen Obstbaus erstmals seit vielen Jahren gezwungen sehen, uns mit einem öffentlichen Brandbrief an Politik, Handel und Verbraucher gleichermaßen zu wenden.

Fachgruppe OBSTBAU
5165
News & Infos

Hat der deutsche Obstbau eine Zukunft?

Martin Hahn MdL, agrarpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Baden-Württemberg bezieht Position zu Mindestlohn, Saisonarbeitskräften und weiteren drängenden Themen des Obstbaus.

Fachgruppe OBSTBAU, Joerg Hilbers
1250
News & Infos

Importe aus der Türkei und vom Balkan setzen Kirschpreise unter Druck

Die deutsche Kirschernte läuft auf Hochtouren. Dabei befinden sich die Preise im indirekten Absatz auf einem extrem niedrigen und für Erzeuger ruinösem Niveau.

Fachgruppe OBSTBAU
1363
News & Infos

Gartenbauwissenschaften: Neue Studienrichtung an der Universität Hohenheim

Wie können wir gartenbauliche Kulturen nachhaltig anbauen und dabei Wasser und Nährstoffe effizient nutzen? Wie kann man mit innovativen Anbaumethoden dem Klimawandel begegnen und gleichzeitig die Produktivität steigern?

Fachgruppe OBSTBAU
917
News & Infos

EU-Agrarreserve für Düngemittel: 60 Millionen Euro für Deutschland

Die EU-Kommission hat kürzlich entschieden, wie die 540 Mio. Euro aus der Agrarreserve zur Abfederung der aktuellen Preiskrise bei Düngemitteln auf die Mitgliedstaaten verteilt werden sollen.

Fachgruppe OBSTBAU
795
News & Infos

Update Verpackungsrecht: Was Sie jetzt zur neuen EU-Verordnung wissen müssen

Die neue europäische Verpackungsverordnung 2025/40 (PPWR – Packaging and Packaging Waste Regulation) bringt weitreichende Änderungen für die gesamte Agrarbranche mit sich. Ab dem 12. August 2026 gelten neue Spielregeln, die besonders die Verantwortlichkeiten und die Dokumentation von Verpackungen betreffen.

Fachgruppe OBSTBAU
831
News & Infos

Zwischen Hitze, Hagel und Frost – Wetterextreme machen Risikomanagement zur Zukunftsfrage des Obstbaus

Der Obstbau gehört naturgemäß zu den Kulturen, die in besonderem Maße von der Witterung abhängig sind. Umso härter trifft uns der Klimawandel. Wetterextreme treten häufiger auf, erreichen neue Intensitäten und treffen unsere Kulturen in immer empfindlicheren Entwicklungsstadien. Gleichzeitig verändern sich die Betriebe.

Fachgruppe OBSTBAU, Joerg Hilbers
1539
News & Infos

Drei schwere Hagelunwetter im Alten Land verursachen Schäden von über 30 Millionen Euro – Liquiditätssicherung muss an erster Stelle stehen

Das Alte Land wurde in diesem Jahr bereits dreimal von schweren Hagelunwettern getroffen. Nach den Schadentagen am 4. Juni, 9. Juni und zuletzt am 1. Juli ziehen die Vereinigte Hagel und die Fachverbände des Obstbaus eine ernüchternde Zwischenbilanz. Die Schäden im größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Deutschlands werden inzwischen auf mehr als 30 Millionen Euro geschätzt.

Vereinigte Hagelversicherung
1949
News & Infos

Zum Wohle der Mitglieder – was steckt hinter der AGRORISK-Gruppe?

Was vor über 30 Jahren als Antwort auf ansteigende Anforderungen in der Versicherungslandschaft begann, ist heute ein bewährtes Erfolgsmodell.  Seit 1995 bündeln die Gartenbau-Versicherung VVaG und die Vereinigte Hagelversicherung VVaG in dieser strategischen Partnerschaft ihre Kompetenzen – und setzen dabei konsequent auf das Prinzip: gemeinsam stark, individuell spezialisiert.

Vereinigte Hagelversicherung, Gartenbau-Versicherung
1213
News & Infos

Umfrage: Teilnahmebereitschaft an kooperativen Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen

Das Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen in Braunschweig führt noch bis zum 15. Juli 2026 eine wissenschaftliche Umfrage unter Landwirten durch.

Fachgruppe OBSTBAU
1805
News & Infos

Süßkirschanbau in der Türkei: Später Saisonstart, „normale“ Ernte

Die Türkei produziert jährlich etwa 700.000 Tonnen Kirschen und ist damit der weltweit größte Kirschenproduzent. Die Exportmengen liegen in der Regel zwischen 60.000 und 70.000 Tonnen.

Fachgruppe OBSTBAU
2131
News & Infos

Beerenexporte aus Spanien: Deutschland Haupt-Exportziel

Spaniens Exporte von Beeren beliefen sich 2025 auf insgesamt 426.527 Tonnen und erreichten einen Wert von 2,114 Milliarden EUR. Damit festigen die spanischen Erzeuger ihre Bedeutung auf dem Exportmarkt.

Fachgruppe OBSTBAU
1666
Anzeige