Immer mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt. Die Situation ist damit so dramatisch, dass wir uns als Vertreter des deutschen Obstbaus erstmals seit vielen Jahren gezwungen sehen, uns mit einem öffentlichen Brandbrief an Politik, Handel und Verbraucher gleichermaßen zu wenden.
Der offene Brief wurde heute an die Presse verschickt mit der Bitte, seine Botschaft weiterzutragen.
Brandbrief
Wollen wir in Deutschland überhaupt noch heimisches Obst?
Es gibt Bilder, die man sich nicht ausdenken kann.
In derselben Halle werden tausende Tonnen deutscher Äpfel der Saftverarbeitung zugeführt, während nur wenige Meter weiter Äpfel von der Südhalbkugel für den Verkauf abgepackt werden.
Auf deutschen Obsthöfen bleiben hochwertige Süßkirschen hängen, weil Billigimporte den Markt überschwemmen. Zwetschen und Heidelbeeren werden unter den Produktionskosten gehandelt. Immer mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt.
Und bei den Erdbeeren erwartet Deutschland in diesem Jahr die niedrigste Freilandernte seit mehr als 30 Jahren.
Wer diese Entwicklungen nur als schlechte Marktphase betrachtet, verkennt die Realität. Wir erleben derzeit einen rasanten Abschied von der heimischen Obstproduktion.
Die Frage ist deshalb so einfach wie unbequem: Wollen wir in Deutschland überhaupt noch heimisches Obst?
Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann muss sich dieses Ja endlich auch im Handeln widerspiegeln.
Die deutschen Obstbaubetriebe produzieren unter höchsten Qualitäts-, Umwelt- und Sozialstandards. Sie investieren seit Jahren in Biodiversität, Wasser- und Klimaschutz sowie moderne und ressourcenschonende Produktionsverfahren. Sie sichern Arbeitsplätze, erhalten Kulturlandschaften und sorgen für kurze Transportwege und regionale Wertschöpfung.
Gleichzeitig werden die Rahmenbedingungen immer schwieriger. Produktionskosten und insbesondere die Löhne steigen massiv an. Sonderregelungen für arbeitsintensive Sonderkulturen fehlen. Wer heute einen Obstbaubetrieb führt, muss längst nicht mehr nur mit Wetterextremen umgehen können, sondern auch mit politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die immer häufiger gegen ihn arbeiten.
Die Folge ist dramatisch: In Deutschland verschwindet mittlerweile etwa alle zwei Tage ein Obstbaubetrieb.
Noch dramatischer ist allerdings, dass wir uns offenbar daran gewöhnt haben.
Wir reden über Regionalität, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit. Gleichzeitig akzeptieren wir, dass heimisches Obst immer häufiger durch Importware ersetzt wird. Regionalität darf aber kein Werbeslogan sein, der nur so lange gilt, wie sie keinen Cent mehr kostet.
Wer heimisches Obst will, muss auch bereit sein, heimische Produktion zu ermöglichen.
Natürlich wird Deutschland niemals alles Obst selbst erzeugen können. Aber wollen wir wirklich akzeptieren, dass unsere Kinder und Enkel irgendwann nur noch erfahren, dass Äpfel aus Deutschland einmal selbstverständlich waren?
Es geht längst nicht mehr nur um Obstbauern. Es geht um die Frage, wie wir uns künftig ernähren wollen. Wollen wir regionale Lebensmittelproduktion erhalten oder machen wir uns immer stärker von Importen abhängig?
Die Obstbaubetriebe sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Sie tun dies seit Generationen. Was sie nicht können, ist dauerhaft gegen politische Fehlentwicklungen, ständig steigende Kosten und einen ruinösen Wettbewerb anzuproduzieren.
Unser Appell richtet sich deshalb an Handel und Verbraucher gleichermaßen: Entscheiden wir uns jetzt bewusst für die heimische Obstproduktion. Nicht in Sonntagsreden und Werbekampagnen, sondern beim Einkauf des Handels und letztlich an der Ladenkasse.
Denn eines ist sicher: Was heute verschwindet, lässt sich morgen nicht einfach wieder aufbauen.
Noch haben wir die Wahl.
Im Namen der deutschen Obstbauern – der Vorstand der Bundesfachgruppe Obstbau und die Landesverbände
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