Brandbrief der deutschen Obstbauern

Fachgruppe OBSTBAU
8399

Immer mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt. Die Situation ist damit so dramatisch, dass wir uns als Vertreter des deutschen Obstbaus erstmals seit vielen Jahren gezwungen sehen, uns mit einem öffentlichen Brandbrief an Politik, Handel und Verbraucher gleichermaßen zu wenden.

Der offene Brief wurde heute an die Presse verschickt mit der Bitte, seine Botschaft weiterzutragen.

Brandbrief

Wollen wir in Deutschland überhaupt noch heimisches Obst?

Es gibt Bilder, die man sich nicht ausdenken kann.

In derselben Halle werden tausende Tonnen deutscher Äpfel der Saftverarbeitung zugeführt, während nur wenige Meter weiter Äpfel von der Südhalbkugel für den Verkauf abgepackt werden.

Auf deutschen Obsthöfen bleiben hochwertige Süßkirschen hängen, weil Billigimporte den Markt überschwemmen. Zwetschen und Heidelbeeren werden unter den Produktionskosten gehandelt. Immer
mehr Betriebe fragen sich, ob sich die Ernte überhaupt noch lohnt.

Und bei den Erdbeeren erwartet Deutschland in diesem Jahr die niedrigste Freilandernte seit mehr als 30 Jahren.

Wer diese Entwicklungen nur als schlechte Marktphase betrachtet, verkennt die Realität. Wir erleben derzeit einen rasanten Abschied von der heimischen Obstproduktion.

Die Frage ist deshalb so einfach wie unbequem: Wollen wir in Deutschland überhaupt noch heimisches Obst?

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann muss sich dieses Ja endlich auch im Handeln widerspiegeln.

Die deutschen Obstbaubetriebe produzieren unter höchsten Qualitäts-, Umwelt- und Sozialstandards. Sie investieren seit Jahren in Biodiversität, Wasser- und Klimaschutz sowie moderne und ressourcenschonende Produktionsverfahren. Sie sichern Arbeitsplätze, erhalten Kulturlandschaften und sorgen für
kurze Transportwege und regionale Wertschöpfung.

Gleichzeitig werden die Rahmenbedingungen immer schwieriger. Produktionskosten und insbesondere die Löhne steigen massiv an. Sonderregelungen für arbeitsintensive Sonderkulturen fehlen. Wer heute
einen Obstbaubetrieb führt, muss längst nicht mehr nur mit Wetterextremen umgehen können, sondern auch mit politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die immer häufiger gegen ihn arbeiten.

Die Folge ist dramatisch: In Deutschland verschwindet mittlerweile etwa alle zwei Tage ein Obstbaubetrieb.

Noch dramatischer ist allerdings, dass wir uns offenbar daran gewöhnt haben.

Wir reden über Regionalität, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit. Gleichzeitig akzeptieren wir, dass heimisches Obst immer häufiger durch Importware ersetzt wird. Regionalität darf aber kein Werbeslogan sein, der nur so lange gilt, wie sie keinen Cent mehr kostet.

Wer heimisches Obst will, muss auch bereit sein, heimische Produktion zu ermöglichen.

Natürlich wird Deutschland niemals alles Obst selbst erzeugen können. Aber wollen wir wirklich akzeptieren, dass unsere Kinder und Enkel irgendwann nur noch erfahren, dass Äpfel aus Deutschland einmal selbstverständlich waren?

Es geht längst nicht mehr nur um Obstbauern. Es geht um die Frage, wie wir uns künftig ernähren wollen. Wollen wir regionale Lebensmittelproduktion erhalten oder machen wir uns immer stärker von Importen abhängig?

Die Obstbaubetriebe sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Sie tun dies seit Generationen. Was sie nicht können, ist dauerhaft gegen politische Fehlentwicklungen, ständig steigende Kosten und einen ruinösen
Wettbewerb anzuproduzieren.

Unser Appell richtet sich deshalb an Handel und Verbraucher gleichermaßen:
Entscheiden wir uns jetzt bewusst für die heimische Obstproduktion. Nicht in Sonntagsreden und Werbekampagnen, sondern beim Einkauf des Handels und letztlich an der Ladenkasse.

Denn eines ist sicher: Was heute verschwindet, lässt sich morgen nicht einfach wieder aufbauen.

Noch haben wir die Wahl.

Im Namen der deutschen Obstbauern –
der Vorstand der Bundesfachgruppe Obstbau und die Landesverbände

Download

Hier können Sie den Brandbrief als PDF downloaden:

Brandbrief der deutschen Obstbauern

Über den Autor

Der Vorstand der Bundesfachgruppe Obstbau und die Landesverbände | Symbolbild: Fachgruppe Obstbau

News & Infos

News & Infos

Für mehr Effizienz in Produktion und Vermarktung - expoSE & expoDirekt

Über 400 Aussteller aus zwölf Nationen werden vom 22. bis 23. November 2023 im Rahmen des Fachmesseduos expoSE & expoDirekt wieder ihre Produkte und Dienstleistungen rund um die Spargel- und Beerenproduktion sowie die Direktvermarktung präsentieren.

Isabelle Bohnert
10909
News & Infos

Die Hängepartie geht weiter - Keine EU-Ausschuss-Mehrheit für neue Glyphosat-Zulassung

Am heutigen Freitag sollte die Entscheidung auf EU-Ebene fallen: Die Europäische Kommission hat zunächst keine ausreichende Zustimmung der EU-Länder für eine erneute Zulassung von Glyphosat für weitere zehn Jahre bekommen.

Fachgruppe OBSTBAU
8618
News & Infos

QS-Studie Lebensmittelsicherheit

Repräsentative forsa-Befragung zeigt auf, wie die Deutschen zur Lebensmittelsicherheit stehen:

86 % halten Lebensmittel in Deutschland für sicher
Aufklärungsbedarf besteht bei Themen, wie Küchenhygiene und Rückrufaktionen.

QS Qualität und Sicherheit GmbH
8857
News & Infos

Entwicklung der Erzeugerpreise

Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte waren im August 2023 um 12,6 % niedriger als im August 2022. Das war der stärkste Rückgang der Erzeugerpreise gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949.

Destatis
8621
News & Infos

Bayer kauft Erdbeerzüchter in GB

Der Großkonzern Bayer setzt sein Konzept, Komplettlösungen für Landwirte zu bieten, weiter um und erweitert sein Obst- und Gemüsegeschäft um Erdbeeren.

Bayer CropScience
8644
News & Infos

Förderung der Mehrgefahrenversicherung in Bayern: erfolgreicher Start

Wer seine Anbauflächen gegen Schäden durch Starkregen, Spätfröste, Dürre und Co absichert, erhält in Bayern ab diesem Jahr einen Zuschuss von bis zu 50 % der Versicherungsprämie. Bayern ist damit Vorreiter in Deutschland und bietet als einziges Bundesland eine breite Förderung der Mehrgefahrenversicherung an.

Vereinigte Hagelversicherung
8454
News & Infos

Fragen der Fachgruppe Obstbau an Frau MdB Dr. Anne Monika Spallek

Die Bundestagsabgeordnete Dr. Anne Monika Spallek ist in ihrer Partei Bündnis90/Die Grünen u.a. zuständig für den Obstbau. Sie hat sich in den vergangenen zwei Jahren auf vielen Betriebsbesuchen intensiv mit den Strukturen und Problemen des deutschen Obstbaus beschäftigt. OBSTBAU hat ihr Fragen zu den drängendsten berufsständischen Themen geschickt. Lesen Sie hier ihre Antworten.

Fachgruppe OBSTBAU
11561
News & Infos

Gesunkene Azubizahlen – duale Ausbildung muss gestärkt werden

Der Zentralverband Gartenbau (ZVG) bedauert die gesunkenen Ausbildungszahlen im Gärtnerberuf. Die berufsständische Vertretung aller Gärtner sieht die Politik gefordert, die Attraktivität von dualer Ausbildung in den Grünen Berufen zu stärken.

ZVG
9390
News & Infos

Bemühungen des Berufsstandes erfolgreich – EU-Krisenbeihilfe soll den Obstbau kurzfristig unterstützen

Die schwierige bis dramatische Situation vieler Obstbaubetriebe ist von der Politik erkannt worden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium will mit dem Geld aus dem dritten Hilfspaket der EU-Agrarreserve vor allem die deutschen Obsterzeuger unterstützen.

BMEL
8967
News & Infos

Solarpaket der Bundesregierung verabschiedet

Mit dem neuen Solarpaket bringt die Bundesregierung zentrale Maßnahmen auf den Weg, um den Photovoltaik-Ausbau und damit den Klimaschutz zu beschleunigen.

BMEL
7339
News & Infos

Bio-Logo für Restaurants, Kantinen und Co. kommt

Das Bundeskabinett hat die von Minister Cem Özdemir vorlegte Bio-Außer-Haus-Verpflegung-Verordnung (Bio-AHVV) und die Änderung der Öko-Kennzeichenverordnung zustimmend zur Kenntnis genommen. Damit ist der Weg frei für einen klaren Rechtsrahmen, mit dem Unternehmen mit wenig Aufwand Bio in ihren Küchen kennzeichnen können.

BMEL
8183
News & Infos

Frankreich: Schulterschluss von Produktion und Vermarktung

Wenn große Mengen und gute Qualität nicht reichen: Wettbewerbsdruck und unzureichende Nachfrage machen der französischen Steinobstbranche in diesem Sommer zu schaffen.

Inga Detleffsen
8718
Anzeige