Mit diesem Bild haben wir im Oktober bundesweit auf die dramatische Situation im deutschen Obstbau aufmerksam gemacht. Unsere Aktion „Ein Fünftel ist nicht genug“ war ein großer Erfolg. Zehn Aktionsstandorte, zahlreiche Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, eine breite Berichterstattung in den Medien und eine beeindruckende Resonanz in den sozialen Netzwerken haben gezeigt: Unsere Botschaft kommt an!
Dafür möchten wir allen danken, die sich an dieser Aktion beteiligt haben – besonders den jungen Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern, die mit ihren persönlichen Geschichten deutlich gemacht haben, was auf dem Spiel steht. Über die Aktion berichten wir ausführlich ab Seite 526 dieser Ausgabe.
Doch bei aller Freude über diesen Erfolg bleibt eine bedrückende Erkenntnis:
Wir werden zwar gehört und erfahren viel Verständnis und Zuspruch – aber es bewegt sich erschreckend wenig.
Die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag ausdrücklich zur Unterstützung der Sonderkulturbetriebe bekannt. Wir haben auf diese Zusage vertraut. Seit Monaten führen wir Gespräche, erarbeiten Vorschläge und suchen gemeinsam mit politischen Verantwortlichen nach tragfähigen Lösungen. Im Mittelpunkt steht weiterhin die existenzielle Belastung unserer Betriebe durch die steigenden Arbeitskosten.
Ein Spitzengespräch mit Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer und der damaligen Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas war uns zugesagt worden. Mit dem überraschenden Rücktritt von Frau Bas, für deren persönliche Situation wir großes Verständnis haben, müssen wir nun befürchten, dass sich die dringend notwendigen Entscheidungen weiter verzögern. Für unsere Betriebe fühlt es sich an, als müssten wir wieder von vorne beginnen.
Dabei ist die ausbleibende politische Bewegung längst kein Problem allein des Obstbaus. Ob Rente, Pflege oder andere dringend notwendige Reformen: Vieles wird angekündigt, vieles vorbereitet, aber leider viel zu wenig umgesetzt, so unser Eindruck. Diese politische Lähmung beschädigt das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der demokratischen Mitte, wie die Umfragen der Meinungsforschungsinstitute immer wieder zeigen. Das sollte allen Verantwortlichen zu denken geben?
Uns ist es dabei wichtig, ausdrücklich festzuhalten, dass es in den demokratischen Fraktionen engagierte Abgeordnete gibt, insbesondere im Agrarausschuss des Deutschen Bundestages, die unsere Sorgen ernst nehmen und sich intensiv für Lösungen einsetzen. Dafür sind wir dankbar. Doch auch ihr Einsatz führte bislang nicht zu konkreten Ergebnissen.
Wir selbst werden jedenfalls nicht nachlassen. Wir suchen weiter das Gespräch, entwickeln Vorschläge und kämpfen für faire Wettbewerbsbedingungen. So arbeiten wir, abgesehen von unseren intensiven Bemühungen um wirtschaftlich tragfähige Arbeitskosten, mit Hochdruck an praktikablen Regelungen zur kommenden Pflanzenschutzsaison. Und gemeinsam mit dem Bundesausschuss Obst und Gemüse befassen wir uns mit der drohenden zusätzlichen Belastung durch eine Kunststoffverpackungssteuer.
Vielleicht gibt es nun zumindest vom Apfelmarkt ein vorsichtig positives Signal, denn vieles deutet darauf hin, dass die Erntemengen in Deutschland und Teilen Europas zunächst überschätzt wurden. Wir hoffen somit, dass sich die tatsächlich begrenztere Verfügbarkeit an Tafelware endlich auch in auskömmlicheren Erzeugerpreisen niederschlägt.
Eines bleibt für uns klar: Wir können nicht darauf warten, dass sich unsere Probleme von selbst lösen. Und wir werden nicht aufhören, die Politik an ihre Zusagen zu erinnern.
Denn ein Fünftel ist nicht genug. Und Verständnis allein reicht einfach nicht.
Über den Autor
Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau und Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.
Seit Jahren verfügen die vier „Großen“ im Lebensmitteleinzelhandel, EDEKA/NETTO, REWE/PENNY, ALDI sowie die Schwarz-Gruppe mit LIDL und Kaufland, über einen stabilen Marktanteil von fast 80 %.
Mit prognostizierten knapp 800.000 t erwartet Deutschland eine der schwächsten Apfelernten der letzten 20 Jahre und mit geschätzt 10,2 Mio. t Äpfeln wird auch die europäische Apfelernte deutlich unter den Ernten der vergangenen Jahre liegen.
Ca. 25 % der deutschen Apfel- und ca. 40 % der deutschen Kirschernte ist den Blütenfrösten Ende April und Anfang Mai zum Opfer gefallen – mit erheblichen regionalen Unterschieden.
Täglich nehmen etwa sechs Millionen Menschen die sogenannte Außer-Haus-Verpflegung (AHV) in Anspruch, essen also in Kitas, Mensen, Schulen, Seniorenheimen, Kantinen u.s.w.
Schon unmittelbar nach den Frostnächten vom 21. bis 23. April 2024 war bei der Klimawandel-bedingt extrem weit vorangeschrittenen Vegetation zu befürchten, dass die Schäden in den betroffenen Regionen sehr hoch sein würden.
Vollblüte und zum Teil auch schon Abblüte Mitte April in den meisten Baumobstanlagen Deutschlands – jährlich verzeichnen wir neue Rekorde, die Meteorologen auf den Klimawandel zurückführen.
… so titelt die Pressemitteilung des Zentralverbandes Gartenbau zum neuen Pflanzenschutzstrategiepapier der Bundesregierung – und trifft es damit auf den Kopf.
So schlimm, wie viele es befürchtet haben, ist es nicht gekommen. Im Gegenteil: Die Proteste der Landwirtschaft waren beeindruckend und nachdrücklich, aber wohlorganisiert, friedlich und demokratisch.
So schlimm, wie viele es befürchtet haben, ist es nicht gekommen. Im Gegenteil: Die Proteste der Landwirtschaft waren beeindruckend und nachdrücklich, aber wohlorganisiert, friedlich und demokratisch.