Torlinientechnik, Obstbau und die deutsche Liebe zur Bürokratie

Joerg Hilbers, Claus Schliecker
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Einer von uns ist Anhänger des Hamburger SV, der andere hält es mit Werder Bremen.

Damit kommen wir eigentlich zurecht. Wenn unsere beiden Vereine allerdings gegeneinander spielen, pausiert unsere gute Zusammenarbeit. Und spätestens dann sind wir beide froh, dass es die Torlinientechnik und den Videoschiedsrichter gibt.

Wenn es um die eigene Mannschaft geht, hört bekannterweise die Freude über menschliche Fehlbarkeit oft schnell auf. Dann soll bitte alles ganz exakt, objektiv und unangreifbar entschieden werden. Kein Zweifel, kein Interpretationsspielraum, keine Diskussion.

Der Soziologe Hartmut Rosa sieht genau darin allerdings ein Grundproblem unserer Zeit. Er beschreibt die Torlinientechnik als Sinnbild einer Gesellschaft, die immer mehr Situationen kontrollieren, absichern und verregeln will. Jede Entscheidung soll überprüfbar sein, jede Ausnahme geregelt, jeder Spielraum abgesichert. Was im Fußball manchmal hilfreich sein mag, entwickelt sich im gesellschaftlichen Alltag zunehmend zu einem ernsten Problem.

Bürokratie entsteht nicht zufällig. Sie entsteht dort, wo Politik und Gesellschaft jedem Einzelfall mit Misstrauen begegnen und glauben, jede Situation vollständig kontrollieren zu müssen. Aus diesem Denken heraus entstehen immer neue Nachweis-, Dokumentations- und Kontrollpflichten.

Gerade im Obstbau erleben wir seit Jahren, wohin das führt. Immer mehr Zeit fließt nicht in Produktion, Innovation oder Mitarbeiterführung, sondern in Formulare, Dokumentation, Nachweise und Absicherung. Wie weit diese Entwicklung inzwischen geht, zeigen zwei aktuelle Beispiele:

Zum einen die neuen Dokumentationspflichten für Pflanzenschutzmittelanwendungen auf Grundlage der europäischen SAIO-Regelungen. Seit dem 1. Januar 2026 gelten deutlich umfangreichere Dokumentationspflichten, ab 2027 sollen die Daten zusätzlich elektronisch und maschinenlesbar vorliegen. Natürlich ist eine nachvollziehbare Dokumentation sinnvoll. Doch inzwischen steigen Aufwand und Detailtiefe erheblich – ohne dass damit automatisch ein besserer Pflanzenschutz verbunden wäre. Umso wichtiger ist es, dass sich die deutsche Bundesregierung gemeinsam mit den Pflanzenschutzdiensten und mit Unterstützung der Erzeugerverbände inzwischen für praktikablere und schlankere Lösungen in Brüssel einsetzt.

Noch absurder ist allerdings die neue Regelung zur Schadnagerbekämpfung. Jahrzehntelang konnten Landwirte diese Maßnahmen im Rahmen ihrer Pflanzenschutz-Sachkunde verantwortungsvoll durchführen. Trotzdem sollen künftig zusätzliche Sachkundeschulungen für Rodentizide vorgeschrieben werden. Hintergrund ist eine Änderung der Gefahrstoffverordnung, durch die die bisherige Anerkennung der Pflanzenschutz-Sachkunde gestrichen wurde. Nach aktuellem Stand wären dafür bis zu 42 zusätzliche Lehreinheiten notwendig.

Betroffen sind übrigens nicht nur unsere Obstbaubetriebe, sondern ebenfalls ca. 100.000 Landwirte. Obwohl sich die bisherige Praxis über Jahrzehnte bewährt hat und keine erkennbaren Probleme bestanden, sollen Praktiker künftig zusätzlich geschult und geprüft werden. Genau an solchen Punkten verliert Bürokratie ihre Akzeptanz.

Vielleicht braucht der Fußball manchmal einen Videoschiedsrichter. Eine Gesellschaft aber, die glaubt, jedes Detail kontrollieren und jede theoretische Unsicherheit vollständig absichern zu müssen, verliert irgendwann ihre Handlungskraft. Oder, um noch einmal Hartmut Rosa aufzugreifen: Wir dürfen nicht zu einer Gesellschaft werden, in der Menschen nicht mehr handeln, sondern nur noch Formulare vollziehen.

Über den Autor

Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau und Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.

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