Einer von uns ist Anhänger des Hamburger SV, der andere hält es mit Werder Bremen.
Damit kommen wir eigentlich zurecht. Wenn unsere beiden Vereine allerdings gegeneinander spielen, pausiert unsere gute Zusammenarbeit. Und spätestens dann sind wir beide froh, dass es die Torlinientechnik und den Videoschiedsrichter gibt.
Wenn es um die eigene Mannschaft geht, hört bekannterweise die Freude über menschliche Fehlbarkeit oft schnell auf. Dann soll bitte alles ganz exakt, objektiv und unangreifbar entschieden werden. Kein Zweifel, kein Interpretationsspielraum, keine Diskussion.
Der Soziologe Hartmut Rosa sieht genau darin allerdings ein Grundproblem unserer Zeit. Er beschreibt die Torlinientechnik als Sinnbild einer Gesellschaft, die immer mehr Situationen kontrollieren, absichern und verregeln will. Jede Entscheidung soll überprüfbar sein, jede Ausnahme geregelt, jeder Spielraum abgesichert. Was im Fußball manchmal hilfreich sein mag, entwickelt sich im gesellschaftlichen Alltag zunehmend zu einem ernsten Problem.
Bürokratie entsteht nicht zufällig. Sie entsteht dort, wo Politik und Gesellschaft jedem Einzelfall mit Misstrauen begegnen und glauben, jede Situation vollständig kontrollieren zu müssen. Aus diesem Denken heraus entstehen immer neue Nachweis-, Dokumentations- und Kontrollpflichten.
Gerade im Obstbau erleben wir seit Jahren, wohin das führt. Immer mehr Zeit fließt nicht in Produktion, Innovation oder Mitarbeiterführung, sondern in Formulare, Dokumentation, Nachweise und Absicherung. Wie weit diese Entwicklung inzwischen geht, zeigen zwei aktuelle Beispiele:
Zum einen die neuen Dokumentationspflichten für Pflanzenschutzmittelanwendungen auf Grundlage der europäischen SAIO-Regelungen. Seit dem 1. Januar 2026 gelten deutlich umfangreichere Dokumentationspflichten, ab 2027 sollen die Daten zusätzlich elektronisch und maschinenlesbar vorliegen. Natürlich ist eine nachvollziehbare Dokumentation sinnvoll. Doch inzwischen steigen Aufwand und Detailtiefe erheblich – ohne dass damit automatisch ein besserer Pflanzenschutz verbunden wäre. Umso wichtiger ist es, dass sich die deutsche Bundesregierung gemeinsam mit den Pflanzenschutzdiensten und mit Unterstützung der Erzeugerverbände inzwischen für praktikablere und schlankere Lösungen in Brüssel einsetzt.
Noch absurder ist allerdings die neue Regelung zur Schadnagerbekämpfung. Jahrzehntelang konnten Landwirte diese Maßnahmen im Rahmen ihrer Pflanzenschutz-Sachkunde verantwortungsvoll durchführen. Trotzdem sollen künftig zusätzliche Sachkundeschulungen für Rodentizide vorgeschrieben werden. Hintergrund ist eine Änderung der Gefahrstoffverordnung, durch die die bisherige Anerkennung der Pflanzenschutz-Sachkunde gestrichen wurde. Nach aktuellem Stand wären dafür bis zu 42 zusätzliche Lehreinheiten notwendig.
Betroffen sind übrigens nicht nur unsere Obstbaubetriebe, sondern ebenfalls ca. 100.000 Landwirte. Obwohl sich die bisherige Praxis über Jahrzehnte bewährt hat und keine erkennbaren Probleme bestanden, sollen Praktiker künftig zusätzlich geschult und geprüft werden. Genau an solchen Punkten verliert Bürokratie ihre Akzeptanz.
Vielleicht braucht der Fußball manchmal einen Videoschiedsrichter. Eine Gesellschaft aber, die glaubt, jedes Detail kontrollieren und jede theoretische Unsicherheit vollständig absichern zu müssen, verliert irgendwann ihre Handlungskraft. Oder, um noch einmal Hartmut Rosa aufzugreifen: Wir dürfen nicht zu einer Gesellschaft werden, in der Menschen nicht mehr handeln, sondern nur noch Formulare vollziehen.
Über den Autor
Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau und Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.
Die deutschen Apfel-, Erdbeer-, Heidelbeer-, Kirsch- und Zwetschenkulturen sind in den meisten Regionen Deutschlands vergleichsweise gut durch die Phase der Blüte gekommen.
Die Äußerungen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil am Osterwochenende sorgten bei Obstbauern für Entsetzen und führten bei nicht wenigen auch zu Verzweiflung.
Im Wettbewerb der europäischen Obstbauregionen sind die hohen und teuren Umwelt- und Sozialstandards für die deutschen Produzenten nachteilig bis ruinös.
Traditionell blicken wir an dieser Stelle auf das zu Ende gehende Jahr zurück und versuchen, mit Zuversicht Ideen und Ansätze für Konzepte notwendiger Entwicklungen im Obstbau aufzuzeigen.
In diesen Tagen, Anfang Oktober 2022, entscheiden Apfelerzeuger, ob sie ihre Bäume weiter beernten oder die aufwendig produzierten Früchte einfach hängen lassen.
Auch wenn der Start der Weichobsternte mit den Erdbeeren insbesondere im Süden mehr als enttäuschend verlief, konnten im weiteren Verlauf der Erdbeer-, Kirsch- und auch der Heidelbeerernte die hervorragenden Mengen und Qualitäten etwas über die explodierenden Produktionskosten, die einbrechenden Preise und die Kaufzurückhaltung unserer Kunden hinweghelfen.