Torlinientechnik, Obstbau und die deutsche Liebe zur Bürokratie

Joerg Hilbers, Claus Schliecker
932

Einer von uns ist Anhänger des Hamburger SV, der andere hält es mit Werder Bremen.

Damit kommen wir eigentlich zurecht. Wenn unsere beiden Vereine allerdings gegeneinander spielen, pausiert unsere gute Zusammenarbeit. Und spätestens dann sind wir beide froh, dass es die Torlinientechnik und den Videoschiedsrichter gibt.

Wenn es um die eigene Mannschaft geht, hört bekannterweise die Freude über menschliche Fehlbarkeit oft schnell auf. Dann soll bitte alles ganz exakt, objektiv und unangreifbar entschieden werden. Kein Zweifel, kein Interpretationsspielraum, keine Diskussion.

Der Soziologe Hartmut Rosa sieht genau darin allerdings ein Grundproblem unserer Zeit. Er beschreibt die Torlinientechnik als Sinnbild einer Gesellschaft, die immer mehr Situationen kontrollieren, absichern und verregeln will. Jede Entscheidung soll überprüfbar sein, jede Ausnahme geregelt, jeder Spielraum abgesichert. Was im Fußball manchmal hilfreich sein mag, entwickelt sich im gesellschaftlichen Alltag zunehmend zu einem ernsten Problem.

Bürokratie entsteht nicht zufällig. Sie entsteht dort, wo Politik und Gesellschaft jedem Einzelfall mit Misstrauen begegnen und glauben, jede Situation vollständig kontrollieren zu müssen. Aus diesem Denken heraus entstehen immer neue Nachweis-, Dokumentations- und Kontrollpflichten.

Gerade im Obstbau erleben wir seit Jahren, wohin das führt. Immer mehr Zeit fließt nicht in Produktion, Innovation oder Mitarbeiterführung, sondern in Formulare, Dokumentation, Nachweise und Absicherung. Wie weit diese Entwicklung inzwischen geht, zeigen zwei aktuelle Beispiele:

Zum einen die neuen Dokumentationspflichten für Pflanzenschutzmittelanwendungen auf Grundlage der europäischen SAIO-Regelungen. Seit dem 1. Januar 2026 gelten deutlich umfangreichere Dokumentationspflichten, ab 2027 sollen die Daten zusätzlich elektronisch und maschinenlesbar vorliegen. Natürlich ist eine nachvollziehbare Dokumentation sinnvoll. Doch inzwischen steigen Aufwand und Detailtiefe erheblich – ohne dass damit automatisch ein besserer Pflanzenschutz verbunden wäre. Umso wichtiger ist es, dass sich die deutsche Bundesregierung gemeinsam mit den Pflanzenschutzdiensten und mit Unterstützung der Erzeugerverbände inzwischen für praktikablere und schlankere Lösungen in Brüssel einsetzt.

Noch absurder ist allerdings die neue Regelung zur Schadnagerbekämpfung. Jahrzehntelang konnten Landwirte diese Maßnahmen im Rahmen ihrer Pflanzenschutz-Sachkunde verantwortungsvoll durchführen. Trotzdem sollen künftig zusätzliche Sachkundeschulungen für Rodentizide vorgeschrieben werden. Hintergrund ist eine Änderung der Gefahrstoffverordnung, durch die die bisherige Anerkennung der Pflanzenschutz-Sachkunde gestrichen wurde. Nach aktuellem Stand wären dafür bis zu 42 zusätzliche Lehreinheiten notwendig.

Betroffen sind übrigens nicht nur unsere Obstbaubetriebe, sondern ebenfalls ca. 100.000 Landwirte. Obwohl sich die bisherige Praxis über Jahrzehnte bewährt hat und keine erkennbaren Probleme bestanden, sollen Praktiker künftig zusätzlich geschult und geprüft werden. Genau an solchen Punkten verliert Bürokratie ihre Akzeptanz.

Vielleicht braucht der Fußball manchmal einen Videoschiedsrichter. Eine Gesellschaft aber, die glaubt, jedes Detail kontrollieren und jede theoretische Unsicherheit vollständig absichern zu müssen, verliert irgendwann ihre Handlungskraft. Oder, um noch einmal Hartmut Rosa aufzugreifen: Wir dürfen nicht zu einer Gesellschaft werden, in der Menschen nicht mehr handeln, sondern nur noch Formulare vollziehen.

Über den Autor

Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau und Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.

Editorials

Editorials

Wenn gute Pläne ihre eigene Umsetzung verhindern

Haben wir überhaupt noch Spielraum für eigene Entscheidungen?

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6243
Editorials

Nettomindestlohn und Bruttomindestlohn – jetzt sind wir alle gefordert!

Der Mindestlohn war im Wahlkampf ein zentrales Thema für alle Parteien, um der gesamtgesellschaftlichen Situation Rechnung zu tragen.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6422
Editorials

Wir haben die Agrarindustrie satt!

Unter dem Motto „Wir haben es satt“ sind am 18. Januar 2014 anlässlich der Grünen Woche rund 25.000 Demonstranten in Berlin zusammengekommen, um für eine bäuerliche und ökologischere Landwirtschaft zu demonstrieren.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6358
Editorials

Gedanken zum Jahreswechsel

Gedanken zum Jahreswechsel sind stets ein Wechselspiel aus Rückblick und Vorblick.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6408
Editorials

Liebe Leserinnen und Leser

nach 10 Jahren als Vorsitzender des Bundesauschusses Obst und Gemüse (BOG) endete am 22. Oktober 2013 die Amtszeit von Gerhard Schulz.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6694
Editorials

Regionalität – eine messbare Größe oder nur ein Gefühl?

Verknappung steigert den Wert von Rohstoffen, Konsumgütern oder Lebensmittel und auch von Zeit.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6412
Editorials

Die Würfel sind gefallen – die Richtung ist noch unbestimmt

Es ist der Abend des 22. September – der große Wahlsonntag

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6443
Editorials

Damit die Wahl nicht zum Würfelspiel wird

Ist ein Würfelspiel besser als eine bewusste Wahlentscheidung?

Bleibt uns nichts weiter, als die Würfel so zu nehmen, wie sie fallen?

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6231
Editorials

Kooperation statt Konfrontation – freiwilliges Engagement nicht bestrafen

Als Produzenten von gesunden und sicheren Nahrungsmitteln leisten Obstbaubetriebe auch einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft und des Landschaftsbildes.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6547
Editorials

Hochwasserhilfe 2013

Wir alle verfolgen die immer noch dramatischen Bilder des Hochwassergeschehens mit großer Betroffenheit.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6846
Editorials

Wir halten immer noch nach

Achten Sie einmal auf Ihre Reaktionen, wenn Sie dieses Wort lesen: NACHHALTIGKEIT.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6482
Editorials

Nationaler Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP) – Wie geht es nun weiter?

Über mehrere Jahre hinweg haben wir uns in zahlreichen Diskussionen und Stellungnahmen in die Ausgestaltung des NAP eingebracht. Am 10. April hat die Bundesregierung ihn nun endgültig verabschiedet.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6938
Anzeige