Notfallzulassung Movento SC 100

Entscheidung in letzter Minute – und ein außergewöhnlicher Vorgang

Joerg Hilbers, Claus Schliecker
79

Die Notfallzulassung für Movento SC 100 nach Artikel 53 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 zur Bekämpfung der Apfelblutlaus und des Birnenblattsaugers ist erteilt.

Die Erleichterung in den Betrieben ist entsprechend groß.

Gleichzeitig bleibt festzuhalten: Der Weg zu dieser Entscheidung war außergewöhnlich – und in dieser Form nicht akzeptabel. Da Movento SC 100 nach dem Auslaufen der EU-Registrierung auch in Deutschland keine reguläre Zulassung mehr hat, stellte unser Antrag die Zulassungsbehörde vor besondere Probleme.

Erstmals sahen wir uns als Bundesfachgruppe Obstbau gemeinsam mit dem Bundesausschuss Obst und Gemüse gezwungen, uns direkt an die politische Hausleitung zu wenden. Neben Bundesminister Rainer haben wir beide Staatssekretärinnen und den Staatssekretär sowie die Präsidentin des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit unmittelbar angeschrieben. Herzlichen Dank für die wirksame Unterstützung! Ein solcher Schritt ist kein regulärer Bestandteil fachlicher Verfahren – er ist Ausdruck einer zugespitzten Situation, in der die üblichen Prozesse offensichtlich nicht mehr ausgereicht haben.

Es ist ausdrücklich hervorzuheben, dass hinsichtlich der Gefahren- bzw. Risikobewertung von Movento SC 100 keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen. Es haben sich keine neuen Daten ergeben, die auf ein verändertes Risiko oder auf zusätzliche Gefahrenhinweise schließen lassen. Die aktuellen Fragestellungen resultieren vielmehr ausschließlich aus einer veränderten regulatorischen Einordnung im Rahmen der europäischen Pflanzenschutzverordnung (Verordnung (EG) Nr. 1107/2009) sowie der damit verbundenen Anwendung der CLP-Verordnung ((EG) Nr. 1272/2008) und deren Klassifizierungssystematik.

Die derzeitige Bewertung ist somit nicht Ausdruck neuer wissenschaftlicher Risiken, sondern Folge geänderter regulatorischer Kriterien und Bewertungsmaßstäbe.

In kürzester Zeit wurden intensive Gespräche geführt, fachliche Bewertungen aktualisiert und zusätzliche Datengrundlagen zusammengetragen. Die Dringlichkeit war dabei jederzeit offensichtlich: Das enge Anwendungsfenster rund um die Blüte hatte bereits begonnen. Für viele Betriebe stand nicht weniger als die diesjährige Ernte auf dem Spiel.

Die Bedeutung von Movento SC 100 für den Sonderkulturanbau kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In zahlreichen Kulturen ist das Mittel ein zentrales und in diesem Jahr noch alternativloses Instrument zur Kontrolle wirtschaftlich relevanter Schaderreger wie Blutläusen, Schildläusen und Spinnmilben. Ohne diese Möglichkeit hätten erhebliche Ertragsverluste, qualitative Einbußen sowie eine deutliche Ausweitung weniger selektiver Pflanzenschutzmaßnahmen gedroht – mit entsprechenden ökologischen und ökonomischen Konsequenzen.

Dass es unter diesen Voraussetzungen überhaupt zu einer derart kritischen Situation kommen konnte, wirft grundlegende Fragen auf. Die Betriebe sind auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen – insbesondere bei zeitkritischen Entscheidungen im Pflanzenschutz. Wenn zentrale Bekämpfungsmöglichkeiten für Schlüsselschaderreger erst in letzter Minute gesichert werden können, gefährdet dies nicht nur die Produktionssicherheit, sondern auch das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der bestehenden Verfahren.

Umso wichtiger ist die jetzt getroffene Entscheidung. Sie schafft kurzfristig die notwendige Handlungsfähigkeit in den Betrieben und verhindert Schäden erheblichen Ausmaßes. Gleichzeitig muss sie Anlass sein, die Abläufe und Verantwortlichkeiten im Umgang mit vergleichbaren Situationen kritisch zu überprüfen.

Für die Praxis bleibt festzuhalten: Der Einsatz der Branche – auf allen Ebenen – war entscheidend. Die Geschlossenheit der Verbände, die Unterstützung durch die Betriebe sowie die enge Abstimmung mit weiteren Akteuren haben dazu beigetragen, dass am Ende eine Lösung erreicht werden konnte.

Die jetzt erteilte Notfallzulassung ist daher nicht nur eine fachlich notwendige Entscheidung. Sie ist auch ein Signal dafür, dass berechtigte Anliegen der Praxis gehört werden – wenn sie mit der erforderlichen Klarheit und Nachdrücklichkeit vorgetragen werden.

Für die Zukunft erwarten wir jedoch, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen. Ein Obstbau ohne wirksamen Pflanzenschutz ist nicht möglich. Wir brauchen dringend Planungssicherheit.

Über den Autor

Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau und Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.

Editorials

Editorials

Aktiv mitbestimmen und keine weitere Fremdbestimmung riskieren

Die Diskussionen rund um die EU-Agrarpolitik 2021–2027 sind in vollem Gange.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6598
Editorials

Deutschland im Mittelpunkt der Fruit Logistica

Zum 25-jährigen Jubiläum war Deutschland offizielles Partnerland der Messe. Die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen (BVEO) hat dieses Projekt engagiert in die Hand genommen.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6580
Editorials

Gedanken zum Jahreswechsel

Für die meisten von uns ist der Jahreswechsel Anlass, um das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und einen Blick auf das neue zu werfen. 

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6751
Editorials

Export: Absatzmärkte im Ausland auch für Äpfel dringend notwendig

Made in Germany steht für Qualität, Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
7151
Editorials

25 Jahre Bundesarbeitstagung der Pflanzenschutzberatung

Gemeinsam mit dem Verband der Landwirtschaftskammern veranstaltet die Fachgruppe Obstbau seit fast fünfzig Jahren äußerst erfolgreich Tagungen für die Beratungskräfte im Obstbau.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6909
Editorials

Integriertes Umweltprogramm 2030 – anmaßend und größenwahnsinnig

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat Anfang September ihr Integriertes Umweltprogramm 2030 präsentiert und damit umgehend einen Sturm der Kritik ausgelöst.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
7321
Editorials

67.205 Euro – es ist zumindest ein Anfang

Als die Delegiertenversammlung 2015 beschloss, die Finanzierung der dringend notwendigen Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit für den deutschen Beeren-, Kern- und Steinobstanbau aus der Solidargemeinschaft der deutschen Obstbaufamilien zu stemmen, war der Optimismus unter der Verbandsvertretern groß.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6726
Editorials

Der Mindestlohn steigt

Arbeitnehmer in Deutschland bekommen künftig einen höheren gesetzlichen Mindestlohn. Die Lohnuntergrenze steigt Anfang 2017 von derzeit 8,50 Euro auf 8,84 Euro pro Stunde.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6852
Editorials

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Zwischen aktuellen Verbandsaufgaben und betrieblicher Realität

Seit Ende Mai haben schwere Unwetter mit Starkregen, Hagel und Orkanböen auch im Obstbau regional zu großen Schäden geführt.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6718
Editorials

Wenn Politiker sich für die besseren Wissenschaftler halten und wenn ein Herbizid zum Wahlkampfthema gemacht wird

Die öffentlichen Diskussionen um Glyphosat haben schon längst hysterische Züge angenommen. 

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6450
Editorials

Die Sache mit dem Pflanzenschutz

Strenge gesetzliche Regelungen für die Zulassung und Anwendung von Pflanzenschutzmitteln stellen sicher, dass negative Auswirkungen für die Umwelt sowie die Anwender- und Lebensmittelsicherheit vermieden werden.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6699
Editorials

Trübe Aussichten oder Licht am Horizont?

Es ist Montag, der 21. März 2016, um 8.26 Uhr. Hier im Hotel Hafen Hamburg findet die Fachtagung Obst und Gemüse des Deutschen Raiffeisenverbandes statt.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
6554
Anzeige