Noch viele Fragen zum Mindestlohn!

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
2694

In diesen Wochen dreht sich bei unserer Verbandsarbeit alles um den Mindestlohn.

Offensichtlich hat der Zug Fahrt aufgenommen und man versucht, das Gesetz möglichst schnell auf den Weg zu bringen. Ungeachtet der Probleme, die dadurch entstehen. Dem übergeordneten Ziel einer Regierungsbildung ist ein großer Teil der deutschen
Tarifautonomie zum Opfer gefallen. Trotz gültiger regionaler Lohntarifverträge bis Ende 2018 soll in der gesamten Landwirtschaft ab dem 1. Januar 2015 der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 7 brutto pro Stunde gelten. Welche Möglichkeiten bleiben uns, die Weichen für den fahrenden Zug in unserem Sinne zu stellen?

In den zahlreichen Gesprächen, die auf Bundes- und Landesebene geführt wurden, kam immer wieder zum Ausdruck, dass viele der politischen Entscheidungsträger sich nach wie vor nicht bewusst sind, welche Auswirkungen ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn auf unsere Branche haben wird. Die Arbeitswirtschaftlerin Margret Wicke vom DLR Rheinpfalz hat in ihrem Artikel auf Seite 382 in dieser Ausgabe von OBSTBAU exemplarisch gezeigt, wie sich die steigenden Lohnkosten auf den Betriebserfolg auswirken werden. Sie werden umso gravierender sein, je geringer die Preisanpassung auf Seiten des Marktes ausfallen wird.

Deshalb müssen wir weiterhin alle Register ziehen, um in Gesprächen mit politisch Verantwortlichen weiter aufzuklären! Ist es wirklich politisch gewollt, dass viele der kleineren Betriebe aufgrund steigender Lohnkosten, die vom Markt nicht ausreichend in Form höherer Preise kompensiert werden, den Betrieb einstellen müssen und deshalb Obst und Gemüse verstärkt aus dem Ausland importiert werden muss? Hat man sich nicht in letzter Zeit für den Erhalt der Familienbetriebe ausgesprochen? Obstbaubetriebe sind in der Regel Familienbetriebe!

Die Lohnkosten in vielen europäischen Nachbarländern liegen bereits jetzt deutlich unter den deutschen. Insbesondere die polnischen Obstbauern würden gerne verstärkt für den deutschen Markt produzieren – gerade jetzt, wo die Handelsbeziehungen nach Russland schwieriger werden. Auch die Erdbeeranbauer aus Spanien und China würden sich sehr freuen… Deutsche Marmelade, hergestellt aus chinesischen Erdbeeren – schon jetzt kein Tabu mehr. Was wollen wir dem Verbraucher noch zumuten?

Ist es politisch gewollt, dass der Trend zu regionalen Produkten ausgebremst wird, weil diese Produkte zukünftig in der Region gar nicht mehr kostendeckend produziert werden können bzw. der Preis für den Verbraucher nicht mehr bezahlbar sein wird?

Burkhard Möller vom Deutschen Bauernverband stellt gleich im Anschluss an diesen Leitartikel eindrucksvoll dar, welche Folgen durch das Mindestlohngesetz auf uns zu kommen und welche Fragen nach wie vor ungeklärt sind, u. a., wie mit Brutto- und Nettolöhnen von Festangestellten und kurzzeitig Beschäftigten umgegangen werden soll und welche Fragestellungen beim Akkordlohn noch unbeantwortet sind.

Nur um klar zu stellen: Wir wollen keinesfalls Dumpinglöhne unterstützen oder eine schlechte Behandlung von Saisonarbeitskräften legitimieren. Unsere Erntehelfer kommen in der Regel zu uns, weil sie innerhalb kurzer Zeit ein lukratives Zubrot verdienen können. Sie kommen wieder, wenn es sich für sie lohnt und wenn sie sich bei uns gut aufgehoben fühlen. Wer gute Kräfte haben möchte, muss deshalb angemessene Löhne zahlen und entsprechende Arbeits- und Unterbringungsmöglichkeiten bereitstellen. Die Kosten hierfür müssen aber in Relation zur Rentabilität der Kulturen stehen. Und es muss im Interesse des Betriebsfriedens möglich sein, dass die Helfer ganz unabhängig vom Sozialversicherungsstatus gleiche Nettolöhne für die gleiche Arbeit erhalten.

Wir sind uns bewusst, dass für den Obstbau alleine eine gesonderte Regelung für Saisonarbeitskräfte kaum Aussicht auf Erfolg haben wird. Umso wichtiger ist es, dass wir den Schulterschluss mit den anderen Branchen in der gleichen Situation suchen. Ziel ist es, eine akzeptable Regelung für kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse zu erreichen und einen Mindestlohntarifvertrag abzuschließen, der nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz allgemeinverbindlich erklärt wird und uns bis zum 31. Dezember 2016 Luft verschaffen würde. Luft nicht nur in Bezug auf die zu zahlenden Löhne, denn die liegen in vielen Betrieben ja gar nicht unbedingt weit unter dem Mindestlohnsatz. Wir bekommen aber Zeit, um die Ausgestaltung des Gesetzes in realistische und an der Praxis orientierte Bahnen zu lenken. Damit der Zug nicht in eine Richtung fährt, aus der es kein zurück mehr gibt. 

Jens Stechmann                            Jörg Disselborg
- Bundesvorsitzender -                 - Geschäftsführer - 

 

Editorials

Editorials

Hallo, liebe Obstbäuerinnen und Obstbauern!

Als neuer Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obst grüße ich Sie erstmals herzlich.

Joerg Hilbers
4491
Editorials

Für ein starkes Europa

Die Wahl zum EU-Parlament ist auch für den Obstbau von besonderer Bedeutung, nicht nur aufgrund des Brexits und einer noch nicht geklärten Finanzplanung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) nach 2020.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3115
Editorials

Zukünftige Verfügbarkeit von Insektiziden im deutschen Obstbau

In dieser Ausgabe von OBSTBAU finden Sie einen Sonderdruck, der sich mit der Verfügbarkeit von Insektiziden für den Obstbau in Deutschland auseinandersetzt.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3136
Editorials

Artenvielfalt per Volksbegehren

Der Erfolg des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ in Bayern zeigt, dass sich Landwirte und Gärtner und der Rest der Bevölkerung noch fremder geworden sind.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3190
Editorials

Alle Kosten im Griff?

Einmal im Monat nehmen auch deutsche Obstbaubetriebe an der Erfassung des Geschäftsklimaindex Gartenbau teil (siehe OBSTBAU Seite 74, Heft 2/2018).

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3251
Editorials

Gedanken zum Jahreswechsel

Ein Jahreswechsel ist auch immer Anlass, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen und einen Blick nach vorne zu werfen.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3014
Editorials

Vielfalt schaffen, nutzen und erhalten

„Vielfalt statt Einfalt“, so heißt die neue Reihe, die Sie ab diesem Heft regelmäßig in unserer Fachzeitschrift OBSTBAU lesen können.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
2985
Editorials

Wer bei Bildung spart, kann sich die Zukunft sparen

„Am Ball bleiben“ bei laufenden Entwicklungen im Bereich der Anbautechnik, der EDV, bei rechtlichen Regelungen und in der Arbeitsorganisation – so muss die Devise lauten.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
2923
Editorials

5 vor 12 für deutsche Zwetschen und Pflaumen

Die Fachgruppe Obstbau fordert die Behörden und die Industrie auf, dringend Maßnahmen für eine tragfähige Zukunft des Zwetschen- und Pflaumenanbaus in Deutschland zu ergreifen – und zwar gemeinsam mit dem Berufsstand.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3029
Editorials

Die Alten sind ausverkauft und die Neuen schon am Start

Es wird eine gute Apfelernte in Europa und eine ordentliche Ernte für deutsche Erzeuger.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
2924
Editorials

Gegen die Wand gefahren…

…wird scheinbar derzeit das obstbauliche Versuchswesen in Rheinland-Pfalz.

Georg Boekels
3177
Editorials

Minister Heil, kommen Sie zur Sache!

Ohne anderen zu schaden, könnte Bundesarbeitsminister Heil viel Gutes für uns tun.

Jens Stechmann, Jörg Disselborg
3605
Anzeige