Die Apfelernte läuft. Wir erleben sie nicht nur in Gesprächen, Sitzungen und politischen Papieren – wir stehen im Betrieb, organisieren die Ernte und sprechen mit unseren Kollegen, Familien, Mitarbeitenden und Kunden.
Und deshalb wissen wir, wie unterschiedlich die Stimmung in diesem Herbst ist. Dort, wo Hagel, Hitze und Trockenheit Schäden angerichtet haben, stehen die Betriebe vor enormen Herausforderungen. Wo die Anlagen verschont geblieben sind, läuft die Ernte gut.
Gerade in der Direktvermarktung spüren wir, dass unsere Kundinnen und Kunden auf die neuen deutschen Äpfel gewartet haben. Es ist und bleibt ein schönes Gefühl, die Früchte eines ganzen Arbeitsjahres zu ernten und dafür Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren.
Die Freude über die Ernte und die Wertschätzung der Kunden ist das eine – der in vielen Betrieben unerträglich gewordene wirtschaftliche Druck ist das andere. Die Kosten „laufen uns weg“. Dabei ist der mit Abstand größte Kostentreiber die Arbeit. Seit dem 1. Januar 2026 beträgt der gesetzliche Mindestlohn 13,90 Euro je Stunde, ab dem 1. Januar 2027 steigt er auf 14,60 Euro – eine Verdopplung innerhalb von nur zehn Jahren. Diese Entwicklung lässt sich durch die Erzeugerpreise nicht kompensieren.
In den vergangenen Wochen haben wir zahlreiche intensive Gespräche geführt, u. a. mit der IG BAU, mit Bundestagsabgeordneten und mit hochrangigen politischen Entscheidungsträgern. Dabei ist deutlich geworden, dass unsere bisherige Kernforderung nach einer besonderen Mindestlohnregelung für Saisonarbeitskräfte vor allem bei der SPD auf erhebliche Vorbehalte stößt. Befürchtet werden Kollateralschäden bei den Wählern und für andere Beschäftigtengruppen.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf den Betrieben bleiben aber Realität. Deshalb arbeiten wir im Vorstand und im geschäftsführenden Vorstand mit Hochdruck an weiteren tragfähigen, wirksamen und rechtssicheren Konzepten, die den arbeitsintensiven Obstbau tatsächlich entlasten können.
Aus der Politik und den beteiligten Ministerien wurde uns zugesagt, kurzfristig gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Dazu soll es auch Gespräche mit Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas und Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer geben. An diesen Zusagen werden wir die Verantwortlichen messen.
Um den notwendigen politischen und öffentlichen Druck aufrechtzuerhalten, haben wir die bundesweite Erntedankaktion „Ein Fünftel ist nicht genug“ ins Leben gerufen. Rund um den 8. Oktober werden Obstbaubetriebe an öffentlichkeitswirksamen Standorten zeigen, was auf dem Spiel steht. Mit fünf Obstkisten wollen wir den Anteil heimischer Produkte am Obstverbrauch in Deutschland visualisieren, der aktuell bei nur rund 20 % des gesamten Obstkonsums liegt: Vier Kisten bleiben leer, nur eine wird mit heimischem Obst gefüllt.
Es geht bei der Aktion um unsere Familienbetriebe, viele Arbeitsplätze, die regionale Wertschöpfung, unser Fachwissen und unsere Kulturlandschaft. Und es geht um die Frage, wie abhängig wir in Deutschland künftig von Importen sein wollen.
Denn nur noch rund ein Fünftel des Obstes, das wir in Deutschland essen, stammt aus heimischem Anbau. Und dieser Anteil wird schnell und drastisch weiter sinken, wenn sich die Lage nicht zeitnah ändert.
Wenn Politik und Gesellschaft auch morgen noch deutsches Obst wollen, müssen sie also JETZT dafür sorgen, dass es in diesem Land weiterhin wirtschaftlich erzeugt werden kann.
Über den Autor
Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau und Joerg Hilbers, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Obstbau.
Auch wenn sich nach zwei sehr schwierigen Jahren am Tafelapfelmarkt endlich eine etwas bessere Absatzsituation für die Erzeuger abzeichnet – die konzeptionelle Krise des deutschen Obstbaus bleibt bestehen und ist offensichtlich.
Am 22. Mai, zum Höhepunkt der Spargel- und zum Beginn der Erdbeersaison, titelte „ZDF-heute“, ebenso wie sinngemäß auch viele andere Medien: „Unhaltbare Zustände im Spargelanbau“.
Die deutschen Apfel-, Erdbeer-, Heidelbeer-, Kirsch- und Zwetschenkulturen sind in den meisten Regionen Deutschlands vergleichsweise gut durch die Phase der Blüte gekommen.
Die Äußerungen von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil am Osterwochenende sorgten bei Obstbauern für Entsetzen und führten bei nicht wenigen auch zu Verzweiflung.
Im Wettbewerb der europäischen Obstbauregionen sind die hohen und teuren Umwelt- und Sozialstandards für die deutschen Produzenten nachteilig bis ruinös.
Traditionell blicken wir an dieser Stelle auf das zu Ende gehende Jahr zurück und versuchen, mit Zuversicht Ideen und Ansätze für Konzepte notwendiger Entwicklungen im Obstbau aufzuzeigen.