Pflanzenschutzzulassungen – wie fachliche Entscheidungen politisch werden
Die Diskussion rund um das Insektizid Movento (Wirkstoff Spirotetramat) zeigt sehr deutlich, wie aus fachlichen Bewertungen politische Entscheidungen werden.
Die Firma hat den Wirkstoff nicht zur Verlängerung beantragt, deswegen lief er 2024 aus. Restmengen durften nur mehr bis Ende 2025 verwendet werden. Damit ist 2026 das erste Jahr, in dem die praktischen Auswirkungen voll sichtbar sind: Eine reguläre Zulassung in den Mitgliedstaaten ist nicht mehr möglich, es bleibt uns ausschließlich der Weg über eine Notfallzulassung.
Wie auch in Deutschland war die Situation in Österreich von großer Unsicherheit geprägt. Systemische Insektizide wie Spirotetramat sind kaum mehr verfügbar, gleichzeitig sind sie für bestimmte Kulturen essenziell – ohne sie ist eine wirtschaftliche Produktion derzeit nicht möglich. Der Antrag auf eine Notfallzulassung war in Österreich zusätzlich erschwert, da für Wirkstoffe ohne EU-Zulassung die Zustimmung der Bundesländer erforderlich ist. Der Prozess hat entsprechend polarisiert. Am Ende konnte eine Zulassung in acht von neun Bundesländern erreicht werden, während sie im Burgenland seitens der Landesregierung verhindert wurde.
Eine Ursache für die polarisierte Diskussion sehen wir in der öffentlichen Wahrnehmung: Pflanzenschutz steht gesellschaftlich massiv unter Druck und der Wunsch nach einer Produktion ohne Pflanzenschutzmittel dominiert die öffentliche Debatte. Dieser Wunsch nach so wenig Pflanzenschutz wie möglich ist grundsätzlich nachvollziehbar, das wünschen wir uns im Anbau genauso. Dennoch braucht es eine klare Differenzierung: Wovon sprechen wir konkret und unter welchen Bedingungen wird Pflanzenschutz eingesetzt? Eine sachliche Bewertung muss nicht nur potenzielle Risiken berücksichtigen, sondern auch mögliche Risikominderungsmaßnahmen sowie die tatsächlichen Rahmenbedingungen in der Praxis, einschließlich der Verfügbarkeit von Alternativen.
Beim Wirkstoff Spirotetramat zeigt sich diese Komplexität deutlich. Für den Anwender bestehen Risiken wie Hautsensibilisierung oder Augenreizung, für Konsumenten gilt der Wirkstoff hingegen als unproblematisch. Ein Grund für die Nichtverlängerung auf der EU-Ebene lag in der Bewertung der Auswirkungen auf Nichtzielorganismen, insbesondere wirbellose Wasserlebewesen und Bienen. Die Firma war nicht bereit, neue Studien oder Daten für eine Wiedergenehmigung des Wirkstoffes in der EU zu bringen. Deshalb ist die Zulassung des Wirkstoffs in der EU nun ausgelaufen.
Die EU-Verordnung regelt aber zusätzlich auch Genehmigungen für Notfälle, wenn Schäden zu erwarten sind. So wie bei jedem Medikament wäre es auch hier allen lieber, keine Nebenwirkungen zu haben. Das ist in der Praxis aber häufig nicht möglich: Wenn ein Wirkstoff gegen bestimmte Insekten wirkt, kann es sein, dass es auch eine Wirkung auf nicht zielgerichtete Insekten gibt. Bei vielen chemischen Stoffen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind, braucht es keine Prüfung solcher Auswirkungen, im Pflanzenschutz ist dies jedoch streng vorgeschrieben.
Die Frage ist in erster Linie doch nicht, ob ein Wirkstoff grundsätzlich angewendet werden kann, sondern, wie wir das Risiko durch geeignete Maßnahmen reduzieren können. So, wie man sich bei starker Sonneneinstrahlung durch Sonnencreme schützt, gibt es auch in der Landwirtschaft Schutzmaßnahmen für Anwender, etwa Schutzbrille und Schutzkleidung, sowie Maßnahmen für die Umwelt, wie Abstandsauflagen zu Gewässern oder zeitlich begrenzte Anwendungen außerhalb der Bienenflugzeiten.
Ein vollständiges Verbot von Movento würde zwar das Risiko im Inland eliminieren, hätte jedoch zur Folge, dass die Produktion in der EU in vielen Bereichen nicht mehr möglich wäre. Und weil der Wirkstoff in Drittstaaten weiterhin eingesetzt wird, wäre eine Verlagerung der Produktion die Folge, die kaum zu einer globalen Risikoreduktion führen würde.
Entscheidend bleibt daher eine sachliche Abwägung im Sinne des Grundsatzes „kein Verbot ohne Alternative“. Sie wurde von der EU-Kommission bereits versprochen, aber in der Praxis haben wir bislang wenig davon gesehen.
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