Fachgruppe

Dr. Hans-Christoph Behr, Dr. Walter Dirksmeyer

Wo landet unser Obst?

Warenstromanalyse für Tafelobst

In den Jahren 2016 und 2017 wurden in Deutschland durchschnittlich 1,22 Mio. t Obst erzeugt.

    Fotos

  • Foto 1: Von den in Deutschland konsumierten 4,98 Mio. t Frischobst ging fast die Hälfte (45 %) beim Discounter über die Ladentheke. (Fotos: Urbanietz)
    Foto 1: Von den in Deutschland konsumierten 4,98 Mio. t Frischobst ging fast die Hälfte (45 %) beim Discounter über die Ladentheke. (Fotos: Urbanietz)
  • Foto 2: Während die vom Statistischen Bundesamt für 2016 ausgewiesenen Erntedaten ein durchschnittliches Jahr repräsentieren, weichen die Daten von 2017 aufgrund der widrigen Wetterbedingungen deutlich davon ab.
    Foto 2: Während die vom Statistischen Bundesamt für 2016 ausgewiesenen Erntedaten ein durchschnittliches Jahr repräsentieren, weichen die Daten von 2017 aufgrund der widrigen Wetterbedingungen deutlich davon ab.
  • Foto 3: Während etwa 60 % der Äpfel über Erzeugerorganisationen abgesetzt wurden, waren dies bei Erdbeeren und Süßkirschen nurbei jeweils ca. 20 %. Hier punktet die Direktvermarktung.
    Foto 3: Während etwa 60 % der Äpfel über Erzeugerorganisationen abgesetzt wurden, waren dies bei Erdbeeren und Süßkirschen nurbei jeweils ca. 20 %. Hier punktet die Direktvermarktung.

    Tabellen

  • Tab. 1: Inlandsproduktion und verwendbare Erzeugung von Obst in den Jahren 2016 und 2017
    Tab. 1: Inlandsproduktion und verwendbare Erzeugung von Obst in den Jahren 2016 und 2017

    Grafiken

  • Abb. 1: Bilanzierung der Warenströme von Frischobst in Deutschland im Jahr 2016 (1.000 t) Teilmengen sind in Klammern gesetzt, kursiv gedruckt und durch gestrichelte Linien abgetrennt
    Abb. 1: Bilanzierung der Warenströme von Frischobst in Deutschland im Jahr 2016 (1.000 t) Teilmengen sind in Klammern gesetzt, kursiv gedruckt und durch gestrichelte Linien abgetrennt

Davon waren nach Ernteverlusten schließlich 1,16 Mio. t auf Großhandelsebene verfügbar. Ergänzt wurde diese Inlandsware durch Importe in Höhe von 5,56 Mio. t. Mehr als die Hälfte (3,07 Mio. t) der Importware entfiel auf exotische Früchte. Die Exporte lagen auf einem erheblich niedrigeren Niveau und summierten sich auf nur 0,71 Mio. t. Nach Abzug von Importen, Verarbeitungsware (0,45 Mio. t) und Marktverlusten verblieben 4,98 Mio. t Frischobst für den Konsum. Davon fanden knapp 80 % den Weg über den Lebens

mitteleinzelhandel in die Haushalte. Fast die Hälfte (45 %) ging dabei beim Discounter über die Ladentheke. Eine weitere wichtige Frischobstquelle für den Konsum war mit 11,4 % die Außer-Haus-Verpflegung über sogenannte Großverbraucher.

 

Der Weg des Obstes

Warenstromanalysen zeichnen den Weg nach, den gartenbauliche Erzeugnisse von der Produktion über Handel und Verarbeitung bis zum Konsum zurücklegen. Dabei werden neben der einheimischen Erzeugung auch Im- und Exporte berücksichtigt, um ein vollständiges Bild zu skizzieren. Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse einer Warenstromanalyse für Frischobst präsentiert, die die Agrarmarkt-Informationsgesellschaft mbH (AMI) für die Jahre 2016 und 2017 erstellt hat.

 

Die Datenlage

Die wichtigste Grundlage für Warenstromanalysen bilden Daten der Offizialstatistik. Leider ist es auf deren Grundlage jedoch nicht möglich, ein vollständiges Bild der Frischobstströme zu zeichnen. Daher wurden bei Bedarf Verbandsstatistiken und ähnliche Quellen oder auch Schätzungen von Fachleuten herangezogen. Auch ist bei einigen Offizialstatistiken bekannt, dass die ausgewiesenen Daten nicht die Realität abbilden. Im Fall von systematischen Fehlern wurden deshalb Korrekturen vorgenommen, wie etwa bei der generell zu niedrig eingeschätzten Erntemenge von Pflaumen und Zwetschen. Weitere Probleme entstehen durch Unterschiede in der zeitlichen Erfassung von Daten, beispielsweise dann, wenn Daten von Wirtschaftsjahren in Kalenderjahre umgerechnet werden müssen. Obwohl Tafeltrauben seit einigen Jahren auch in Deutschland erzeugt werden, wurden sie in dieser Analyse wegen fehlender Daten zum Anbauumfang nicht berücksichtigt. Diese Annahmen wegen ungenauer oder fehlender Daten beeinflussen zwar das Ergebnis, dennoch ist dies die einzige Möglichkeit, ein ganzheitliches Bild der Warenströme bei Frischobst zu zeichnen.

 

Inlandserzeugung

Die vom Statistischen Bundesamt (Destatis) ausgewiesenen Erntedaten für die Jahre 2016 und 2017 weichen erheblich voneinander ab. Grund dafür sind die widrigen Wetterbedingungen im Jahr 2017. 2016 repräsentiert im Vergleich dazu eher ein durchschnittliches Jahr. Die Erntemenge summierte sich in den Jahren 2016 und 2017 auf 1.319 Mio. t bzw. 1.129 Mio. t Obst (im Mittel 1.224 Mio. t). Hierbei müssen jedoch die Ernteverluste berücksichtigt werden, um die am Markt verfügbare Obstmenge aus inländischer Erzeugung zu ermitteln. Dafür wurde die Annahme der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) übernommen, die bei der Erstellung der Versorgungsbilanzen bei Obst pauschal von 5 % Ernteverlusten ausgeht. Daraus ergab sich eine verwendbare Inlandserzeugung von 1.253 Mio. t bzw. 1.072 Mio. t (1.163 Mio. t). Diese Menge stand letztlich für die Deckung der Inlandsnachfrage nach Frischobst, für die Verarbeitung und Exporte inländischen Frischobstes zur Verfügung.

 

Verarbeitungsmenge und Vermarktung

Um die Verarbeitungsmenge aus der Inlandsproduktion ermitteln zu können, musste weitgehend auf Schätzungen zurückgegriffen werden. Aufgrund der Frostereignisse in 2017 hat es hinsichtlich der nationalen Erzeugung von Verarbeitungsware erhebliche Unterschiede zwischen den Jahren 2016 (0,36 Mio. t) und 2017 (0,21 Mio. t) gegeben, wobei 2016 die in der jüngeren Vergangenheit übliche Situation widerspiegelt.

 

Die Vermarktung der deutschen Obstproduktion erfolgte zu gut der Hälfte (2016: 53,6 %, 2017: 51,4 %) über Erzeugerorganisationen. Dieser Anteil schwankte jedoch teils erheblich zwischen den verschiedenen Obstarten: Während etwa 60 % der Äpfel über Erzeugerorganisationen abgesetzt wurden, war dies bei Erdbeeren und Süßkirschen nur bei jeweils ca. 20 % der Fall. Die größte Erzeugerorganisation hatte in beiden Jahren einen Anteil von rund 23 % an der Obstabsatzmenge aller Erzeugerorganisationen; der Anteil der fünf größten summierte sich sogar auf 73 %. Ausgehend vom GfK-Haushaltspanel konnte der Anteil der Direktvermarktung etwa über Hofläden oder Wochenmärkte bestimmt werden. Dieser belief sich auf knapp 8 % der verfügbaren einheimischen Ware, hat jedoch in der jüngeren Vergangenheit leicht abgenommen. Über die Selbstvermarktung liegen keine Statistiken vor, daher wird sie als Residualgröße (Rest) berechnet. Dafür wird angenommen, dass der Anteil der verfügbaren Ernte, der nicht über Erzeugerorganisationen, Direktvermarktung oder an die Verarbeitung abgesetzt wird, der Selbstvermarktung entspricht. Allerdings ist bekannt, dass dieses Residuum auch noch Mengen anderer Absatzkanäle enthält, z. B. den Onlinehandel. Diese Mengen sind jedoch sehr gering, sodass die Überschätzung der Selbstvermarktung unbedeutend sein dürfte. Bei einer Menge von jeweils 0,35 Mio. t in den Jahren 2016 und 2017 wurde in 2016 ein Anteil von rund 28 % über die Selbstvermarktung abgesetzt (2017: 33 %). Diese Werte schwankten auf Kulturebene allerdings stark, da etwa Erdbeeren und Heidelbeeren, bei denen auch die Direktvermarktung eine wichtige Rolle spielte, zu einem großen Teil von der Erzeugung selbst an den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) abgesetzt wurden.

 

Im- und Export

Für den Außenhandel konnte nur Frischware berücksichtigt werden, da keine Daten über verarbeitete Ware vorlagen. Außerdem musste für 2017 zunächst mit vorläufigen Daten gerechnet werden. Obstimporte überstiegen die Inlandserzeugung um fast das Fünffache, was insbesondere an der Einfuhr exotischer Obstarten lag, auf die mehr als die Hälfte der Importe entfiel. In 2016 und 2017 wurden 5,39 Mio. t bzw. 5,73 Mio. t Obst (im Mittel 5,56 Mio. t) importiert, wovon etwa 5,26 Mio. t bzw. 5,52 Mio. t (5,39 Mio. t) dem Frischmarkt zur Verfügung standen. Im Vergleich dazu lagen die Exporte von Obst aus Deutschland auf einem sehr geringen Niveau: Im Mittel von 2016 und 2017 wurden etwa 0,71 Mio. t Obst exportiert. Davon waren große Teile der Exporte Wiederausfuhren von Importen, die etwa zwei Drittel ausmachten. Die Exporte sanken seit 2010 sogar leicht, was vor allem mit dem russischen Importstopp zu begründen ist. Auch auf Ebene des Erfassungs- und Großhandels entstehen Verluste, die zu berücksichtigen sind. Diese Marktverluste wurden ebenfalls gemäß den Annahmen der BLE kalkuliert, wobei nach Arten differenziert wurde. Je nach Produkt kamen diese auf Werte zwischen 6 % (z. B. Äpfel) und 10 % (z. B. Erdbeeren). Nach Berücksichtigung von Marktverlusten, Exporten und Verarbeitungsware auf der einen sowie den Importen auf der anderen Seite, standen im Jahr 2016 auf Großhandelsebene 4,98 Mio. t Obst für Einzelhandel, Großverbraucher, Direktvermarktung, Wochenmärkte usw. zur Verfügung (2017: 5,17 Mio. t).

 

Privathaushalte

Der Verbrauch von Frischobst in Privathaushalten kann über das GfK-Haushaltspanel gut quantifiziert werden, zum Verzehr im Rahmen der Außer-Haus-Verpflegung gibt es jedoch keine validen Daten. Die Schätzung der Tafelobstmenge, die bei Großverbrauchern konsumiert wurde, ergab eine Menge von 0,58 Mio. t, was 11,6 % der auf Großhandelsebene verfügbaren Frischobstmenge entspricht. Somit verblieben 4,4 Mio. t, die in 2016 über den Einzelhandel an die Haushalte abgesetzt wurden. Frisches Obst wurde dabei zu etwa 45 % beim Discounter eingekauft. Weitere Einkaufsstätten waren SB-Warenhäuser mit knapp 13 % und sonstige Lebensmittel-Vollsortimenter mit rund einem Viertel. Der Onlinehandel war dabei mit knapp einem halben Prozent zu vernachlässigen. Die verbliebenen ca. 10 % verteilten sich auf die übrigen Einkaufsstätten wie z.B. Direktvermarktung, Wochenmärkte oder Fachgeschäfte.

Zusammenfassung

Fazit

Dass der Direktabsatz in den vergangenen Jahren trotz der steigenden Nachfrage nach regional erzeugten Produkten tendenziell leicht gesunken ist, ist erstaunlich. Hier dürften Chancen für eine Ausdehnung dieses Absatzkanals mit seinen hohen Verkaufspreisen bestehen. Seit vielen Jahren werden sehr große Mengen Obst nach Deutschland importiert. Dies liegt insbesondere am Import exotischer Früchte sowie an der Ergänzung des nationalen Angebots außerhalb der hiesigen Saison. Trotzdem müsste es möglich sein, einen Teil der Importe durch einheimische Erzeugnisse zu substituieren. Das Exportniveau ist seit Jahren gering, erschwerend hinzu kommt das Russlandembargo. Dennoch könnten die Exporte mutmaßlich stark ausgeweitet werden, würde die Politik die bestehenden Handelshemmnisse beispielsweise für den Export nach Südostasien konsequent abbauen.

Über den Autor

Dr. Hans-Christoph Behr, Agrarmarkt Informationsgesellschaft mbH (AMI), Dreizehnmorgenweg 10, 53175 Bonn, Tel.: 0228 33805-250, E-Mail: info@AMI-informiert.de Dr. Walter Dirksmeyer, Thünen-Institut, Bundesallee 63, 38116 Braunschweig, Tel.: 0531 596 5136, E-Mail: walter.dirksmeyer@thuenen.de

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 05/2019

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