Fachgruppe

Helwig Schwartau

Teil 6: Obstbau 2020 | Eine gemeinsame Serie der Vereinigte Hagel und der Fachgruppe Obstbau. Das Jahr 2050: Äpfel von der Stange?

Es ist geschafft: Namhafte deutsche Erzeugerorganisationen, die sich insbesondere mit der Vermarktung von Kernobst befassen, schließen sich endlich zusammen.

    Fotos

  • Foto 1: „Gemeinsam mehr erreichen“ heißt das Motto der neuen schlagkräftigen Erzeugerorganisation „Deutsches Qualitätsobst GmbH“.
    Foto 1: „Gemeinsam mehr erreichen“ heißt das Motto der neuen schlagkräftigen Erzeugerorganisation „Deutsches Qualitätsobst GmbH“.
  • Foto 2: Stefan-Egon Kohl, 1. Vorsitzender „Deutsches Qualitätsobst GmbH“, ist stolz auf das neue hochmoderne Umschlagzentrum der Erzeugerorganisation.
    Foto 2: Stefan-Egon Kohl, 1. Vorsitzender „Deutsches Qualitätsobst GmbH“, ist stolz auf das neue hochmoderne Umschlagzentrum der Erzeugerorganisation.
  • Foto 3: Weil die Umschlagsmenge an Äpfeln deutlich gesunken ist, fordert der LEH Früchte in Spitzenqualität mit hoher Wertschöpfung. Die beiden Hauptsorten von „Deutsches Qualitätsobst GmbH“ sind genau auf diese Forderung zugeschnitten.
    Foto 3: Weil die Umschlagsmenge an Äpfeln deutlich gesunken ist, fordert der LEH Früchte in Spitzenqualität mit hoher Wertschöpfung. Die beiden Hauptsorten von „Deutsches Qualitätsobst GmbH“ sind genau auf diese Forderung zugeschnitten.
  • Foto 4: Kleine Fruchtgrößen werden in ökologisch nachhaltigen Taschen aus Recycling-Papier vermarktet. Sie werden fast ausschließlich von den geringverdienenden Bevölkerungsgruppen nachgefragt.
    Foto 4: Kleine Fruchtgrößen werden in ökologisch nachhaltigen Taschen aus Recycling-Papier vermarktet. Sie werden fast ausschließlich von den geringverdienenden Bevölkerungsgruppen nachgefragt.
  • Foto 6: ‘Appfinekta‘ ist der neueste Schlager im Verkaufssortiment der „Deutsches Qualitätsobst GmbH“. Die Kreuzung aus Aprikosen, Nektarinen und Pfirsichen wird in einem speziell dafür konzipierten Verkaufsgebinde angeboten, um den Widererkennungswert zu erhöhen.
    Foto 6: ‘Appfinekta‘ ist der neueste Schlager im Verkaufssortiment der „Deutsches Qualitätsobst GmbH“. Die Kreuzung aus Aprikosen, Nektarinen und Pfirsichen wird in einem speziell dafür konzipierten Verkaufsgebinde angeboten, um den Widererkennungswert zu erhöhen.
  • Foto 7: Mit ihrem attraktiven Birnenangebot hat die Erzeugerorganisation den deutschen Inlandsmarkt voll im Griff. Importe spielen keine Rolle mehr.
    Foto 7: Mit ihrem attraktiven Birnenangebot hat die Erzeugerorganisation den deutschen Inlandsmarkt voll im Griff. Importe spielen keine Rolle mehr.

Ein Meilenstein, nach einem „Gesprächsmarathon“ von über 30 Jahren wird am 3. Oktober 2050 der Vertrag endlich unterzeichnet. Was die Väter begannen, beenden die Söhne.

Ich spreche mit Stefan-Egon Kohl, dem designierten Vorsitzenden der neuen schlagkräftigen Erzeugerorganisation „Deutsches Qualitätsobst GmbH“.

 

Guten Tag, Herr Kohl, wie fühlen Sie sich?

Ich bin stolz, unserer neuen schlagkräftigen Erzeugerorganisation vorzustehen. Die Erzeugerebene hat aus der Vergangenheit gelernt und bietet ihre Äpfel jetzt ohne einen internen deutschen Wettbewerb an. Die Basis für diesen großen Schritt legten vorher die Organisationen in den großen deutschen Anbauregionen. Die Elbe-Obst und die MAL im Norden bzw. die MaBo und BayWa im Süden standen nach der Apfelmisere vor zehn Jahren massiv unter dem Druck in ihren Regionen, endlich zu fusionieren. Dieser Schritt war notwendig, da der Konzentrationsprozess im LEH ebenfalls fortschreitet. Mittlerweile decken die fünf größten Einkaufsstätten in Deutschland mehr als 90 % des Apfelbedarfs ab.

 

Gibt es darüber hinaus überhaupt noch Absatzmöglichkeiten?

Kaum, und dann nur für Spezialitäten im Facheinzelhandel oder über die langsam sterbenden Großmärkte. Dies sind dann alte Sorten, die noch im Zeitraum 2000 bis 2020 boomten. Damals hatte man noch gedacht, dass es lukrativ sei, möglichst Masse und damit günstig zu produzieren. Stellvertretend sei hier die ‘Jonagold’-Gruppe genannt.

Heute bietet der LEH nur noch Regalplätze für zwei bis drei Apfelsorten in zwei Verpackungsarten an. Angeblich ist der Umsatz bei Äpfeln, bezogen auf den Qua
dratmeter Ladenverkaufsfläche, zu gering. Wenn dann Äpfel gehandelt werden, möchte man natürlich nur ein Produkt in Spitzenqualität mit hoher Wertschöpfung ordern.

 

Gibt es denn bei Äpfeln im Markt keine Billigschiene mehr?

Doch die gibt es. Hier hat sich die ökologisch optimierte Zwei-Kilo-Tasche aus Recyclingpapier voll etabliert. Die Größen 75–80–85 mm werden hochpreisig auf dem Foodtainer angeboten und prägen die Wertschöpfung für alle Handelsstufen, inkl. für die Produktion. Die Randgrößen dieser Sorten finden dann ihren Platz in der Tasche. Es lohnt sich jedenfalls nicht mehr, eine Sorte speziell für diese Vertriebsform zu produzieren. Al

Lerdings möchte man natürlich nicht die Gesellschaftsschicht mit wenig Kaufkraft ausgrenzen. Die Reichen werden immer reicher, aber fast 20 % der Gesellschaft ist mittlerweile auf staatliche Unterstützung angewiesen.

 

Stichwort Sorten, warum wurde ‘Elstar’ aus der Anbauempfehlung herausgenommen?

Unsere Väter haben es nicht verstanden, diese Sorte in einem einheitlichen Standard anzubieten und farb-/konditionsschwache Partien vom Markt fernzuhalten. Aber der Konsument verlangt Woche für Woche eine gute gleichbleibende Qualität. Die ‘Elstar’-Käuferschicht ist fast ausgestorben, junge Menschen wichen schon vor 20–30 Jahren auf Äpfel mit einem starken Shelf-Life aus.

 

Bleiben wir bei den Sorten, was wird denn nun empfohlen?

Die Apfelsorte muss einer süßen Geschmacksrichtung entsprechen. Erinnern Sie sich noch an ‘Royal Gala’? Diese Sorte wurde mit Unterstützung der grünen Gentechnik weiter entwickelt und weist jetzt zusätzlich die vom Konsumenten gewollte Biss-Festigkeit auf. Die neue Sorte ‘Yellow Magic Crunch’, die wir in der kommenden Woche offiziell vorstellen, ist natürlich auch resistent gegenüber Schädlingen und Pilzinfektionen. Äpfel wurden in den vergangenen Jahren gentechnisch so optimiert, dass Umwelteinflüsse kaum noch eine Bedeutung haben. Die Produktion und Vermarktung ist natürlich über Clubkonzepte geregelt. Neu ist die Idee, dass jetzt auch der Lebensmitteleinzelhandel vertraglich fest mit eingebunden ist. Wir können also quasi von einem Vertragsanbau sprechen.

 

Welche Rolle spielt dann noch der Bio-Bereich?

In unserer Region gibt es noch zwei Bio-Produzenten. Sie vermarkten ihre Äpfel direkt an die Konsumenten, im konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel sind ihre Produkte nicht gefragt. Aber zwischen der Integrierten Produktion und dem Bio-Sektor gibt es ja – zumindest für den Konsumenten – auch keine relevanten, erkennbaren Unterschiede mehr. Angefangen hat die Entwicklung vor Jahren mit der Diskussion über die im Produkt nachweisbare Höhe und Anzahl der Pflanzenschutzwirkstoffe. Durch verschiedene gentechnische Verfahren sind die von unseren Produzenten angebauten Sorten gegen alle relevanten Schädlinge immun, Pflanzenschutzmittel werden daher weitestgehend nicht mehr eingesetzt. Die Konsumenten regen sich auch schon lange nicht mehr über genveränderte Produkte im Lebensmittelbereich auf. Immerhin wächst die Weltbevölkerung dramatisch und muss ernährt werden.

 

Wie reagieren Sie auf den rückläufigen Apfelkonsum?

Qualität und abermals Qualität. Unsere beiden Standardsorten bieten wir ganzjährig an und drängen die Importware nahezu vollständig aus dem deutschen Markt zurück. Äpfel von der Südhalbkugel gehören durch die langen Transportwege schon lange der Vergangenheit an. Außerdem profitieren wir von dem Klimawandel und könnten ggf. alle erdenklichen Sorten produzieren. Das war nicht immer so, denken wir nur an die schon fast vergessene Sorte ‘Pink Lady’.

 

Durch die selbst in Norddeutschland vorhandenen  mediterranen Witterungsverhältnisse produzieren wir mehr Sommerobst.  Nicht nur Kirschen, sondern auch ‘Appfinekta’, den neuesten Schlager in unserem Verkaufssortiment. Es handelt sich dabei um eine Kreuzung aus Aprikosen, Nektarinen und Pfirsichen. Für den Sommer 2051 dürfte die Produktion schon die Grenze von 50.000 t überschreiten.

 

Birnen stellen natürlich auch ein Thema dar. Vor 50 Jahren haben wir in Deutschland noch 100.000 t Birnen importiert, heute sind wir im Inlandsmarkt dominant. Wir konnten die Dominanz der Italiener brechen, die sich durch zu lange Dürreperioden und aus Mangel an Wasser fast gänzlich aus der Obstproduktion zurückgezogen haben. Vom Obstsortiment sind wir nun breiter aufgestellt und werden nicht nur mit Äpfeln in Verbindung gebracht.

 

Exportieren Sie noch Obst?

Ja natürlich, durch die genannten Gründe aber mehr in den Süden. Im Osten dominiert Russland, dass gewaltig in die Produktion von Obst und Gemüse investiert hat. Das internationale Flair spürt man aber auch im deutschen Markt. Durch die Völkerwanderung, die, so glaube ich, im Jahr 2015 eingesetzt hat, sind alle unsere Produkte auch in arabischer Sprache ausgezeichnet.

 

…Plötzlich erwache ich aus dem Schlaf und befinde mich wieder in der Gegenwart des Jahres 2015. Aber in der Vermarktung von Äpfeln hat die Zukunft bereits eingesetzt, packen wir es gemeinsam an!  

Über den Autor

Helwig Schwartau, AMI GmbH – Büro Hamburg, 20097 Hamburg, Tel.: 040 6505595-0, E-Mail: helwig.schwartau@ami-informiert.de

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 11/2015

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