Fachgruppe

Jörg Disselborg und Dr. Annette Urbanietz

Sommerloch 2010 – Greenpeace wollte es mit Johannisbeeren stopfen und hat sich selbst vom Platz gestellt!

Ein Kommentar von Jörg Disselborg und Dr. Annette Urbanietz

Der Verein Greenpeace hat sich mit seiner Kampagne zu deutschen Johannisbeeren die rote Karte gegeben und sich selbst vom Platz gestellt.

Nach unserer Betrachtung zeigt die neue Kampagne Widersprüche zwischen den Behauptungen der Pressemitteilung und den Untersuchungsergebnissen auf. Denn diese zeigen vor allem, dass die deutschen Obstbauern verantwortungsvoll arbeiten.
Was war denn passiert? Greenpeace hat unter anderem Strauchbeeren aus deutschem Anbau in verschiedenen Supermärkten gekauft und auf Rückstände von Pflanzenschutzmitteln untersuchen lassen. Das Ergebnis ist eine sehr gute Nachricht für Verbraucher: Viele Proben wiesen gar keine Rückstände auf. Kamen Rückstände vor, so lagen sie weit unterhalb der gesetzlich festgelegten Höchstgehalte.

„Johannisbeeren sind kleine Pestizid-Cocktails.“ Mit dieser Meldung ergattert sich Greenpeace jedoch einen Platz in den Schlagzeilen. Gleichzeitig wurde in der entsprechenden Meldung aufgefordert, dem Verein als förderndes Mitglied beizutreten. Denn auch zukünftig sollen mit den Förderbeiträgen „unabhängige“ Rückstandsuntersuchungen durchgeführt werden. Dieser Zusammenhang erscheint uns sehr fragwürdig.

Denn unabhängige Rückstandsuntersuchungen gibt es auch ohne Greenpeace. Offizielle Stellen, Behörden und Institutionen, deren gesetzliche Aufgabe der Verbraucherschutz ist. Die amtliche Lebensmittelüberwachung, die europäische und deutsche Risikobewertungsbehörde erteilen dem deutschen Obstbau ein durchweg positives Zeugnis. Nach dem Monitoringbericht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit gab es bei deutschem Obst und Gemüse lediglich bei 1,9 % aller untersuchten Proben überschrittene Rückstandshöchstgehalte. Die Qualitätssicherungssysteme der Wirtschaft und nicht zuletzt die Eigenkontrollen der Erzeuger und die Untersuchungen des LEH bestätigen dies: Lebensmittel aus Deutschland sind damit an der Spitze innerhalb der EU und weltweit!

Mehrfachrückstände sind die Regel, weil sie ein Zeichen der guten fachlichen Praxis sind. Mehrfachrückstände, die von Greenpeace als „gängiger Trick“ beschrieben werden: „Um die gesetzlichen Grenzwerte für einzelne Pestizide einhalten zu können, wird Obst und Gemüse mit einem Cocktail aus vielen verschiedenen Pestiziden gespritzt.“ Dies ist natürlich nicht der Grund für den Einsatz so vieler verschiedener Wirkstoffe an einer Kultur. Vielmehr sind die heute zugelassenen Mittel so kultur- und schädlingsspezifisch, dass gegen jede Krankheit und jeden Schädling in jeder Obstart eine eigene „Medizin“ verabreicht werden muss. Das einzelne Mittel verursacht damit keinen ökologischen Kollateralschaden in der Obstanlage, aber die Zahl der Anwendungen ist erkennbar gestiegen. Und die werden von Greenpeace medienwirksam kritisiert.

Die Erzeugung qualitativ hochwertiger Lebensmittel kann nur unter Gewährleistung des Schutzes der Kulturpflanze vor schädigenden Einflüssen erfolgen. Dies gilt sowohl für den Integrierten Anbau als auch für die ökologische Produktion. Das Pflanzenschutzgesetz gibt eindeutig vor, dass die notwendigen Mittel keine schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Mensch und Tier haben dürfen. Nur solche Mittel erhalten die Zulassung, die diesen strengen Kriterien erfüllen. ADI- und ARfD-Wert werden nicht umsonst für ein Kind im Alter von zwei bis fünf Jahren ermittelt. Diese Bevölkerungsgruppe ist aufgrund der vergleichsweise hohen Lebensmittelaufnahme im Verhältnis zum geringeren Körpergewicht als besonders empfindlich einzustufen. Wenn für diese Kinder keine Gefahr vorhanden ist, dann erst recht nicht für den Rest der Bevölkerung. Dies gilt für jeden einzelnen in Deutschland zugelassenen Wirkstoff.

Wenn also die Rückstandshöchstgehalte für die zugelassenen Mittel eingehalten werden, kann von einem Pflanzenschutzmittelrückstand unter keinen Umständen eine Gefahr für die Gesundheit ausgehen. Um alle Risiken auszuschließen gibt es schließlich einen 100-fachen Sicherheitsfaktor.

Nicht abschließend untersucht ist jedoch, wie sich die Kombination verschiedener Rückstände auswirkt. Gemische von chemischen Stoffen können sehr unterschiedlich wirken. Wissenschaftler sagen, dass es aufgrund der eingebauten zwei- bis dreistelligen Sicherheitsspannen sehr unwahrscheinlich ist, dass es zu gesundheitlichen Gefährdungen durch Pflanzenschutzmittel-Rückstände kommen könnte. Gleichzeitig betonen sie aber auch, dass systematische wissenschaftliche Studien zur Wirkung für die Mehrzahl der Pflanzenschutzmittel bis dato nicht vorliegen. Derzeit werden noch Konzepte für Prüfstrategien entwickelt, die alle diese Eventualitäten abdecken sollen. Hierbei müssten dann aber auch andere Chemikalien, die der Mensch mit der täglichen Nahrung zu sich nimmt, in die Prüfung möglicher Interaktionen mit einbezogen werden. Ein weites Feld!
Die Produzenten sind den Vorwürfen einiger Verbraucherschutzverbände scheinbar schutzlos ausgeliefert. Verunsicherung schüren in einem Bereich, der zwar von der Erfahrung her unbedenklich ist, aber wissenschaftlich nicht belegt werden kann, ist einfach. Die Rückkehr zu multifunktionalen Allround-Mitteln kann aber kaum die Lösung sein. Ebenso wenig kann auf Pflanzenschutz verzichtet werden. Ein Wirkstoffwechsel ist allein aus Gründen der Resistenzbildung unverzichtbar.
Bleibt die Aufforderung an die Pflanzenschutzmittelindustrie, mit unverminderter Energie an modernen Pflanzenschutzmitteln zu arbeiten, die spezifisch wirksam sind und gleichzeitig schnell abbauen! Die Grundsätze des Integrierten Pflanzenschutzes haben weiter Bestand: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Dass dieses Prinzip ein großes Einsparpotenzial in sich birgt, haben die vergangenen Jahre eindrucksvoll gezeigt.

Nicht tolerieren dürfen wir Fehlanwendungen. Der Einsatz nicht zugelassener Präparate ist kein Kavaliersdelikt und schadet dem gesamten Berufsstand.

Zurück zu den giftigen Johannisbeer-Cocktails: Sehr zeitnah hat das BVL den Greenpeace-Schlussfolgerungen zu Pflanzenschutzmittelrückständen widersprochen. Von Johannisbeeren gehen keine gesundheitlichen Gefahren für die Verbraucher aus, stellt das Bundesamt klar. Greenpeace kam ja nach einer Untersuchung an 31 Beerenproben zu dem Schluss, dass eine Gefahr für Verbraucher bestehen könne und in Deutschland illegale Praktiken angewandt worden seien. Diese Schlussfolgerungen sind nach Ansicht des BVL nicht gerechtfertigt. In keiner der 31 Proben wurde ein Rückstand über dem gesetzlichen Höchstgehalt gefunden. Die Beeren waren damit lebensmittelrechtlich nicht zu beanstanden und stellten für den Verbraucher keine gesundheitlichen Risiken dar.

Die Vorgehensweise von Greenpeace erscheint verantwortungslos und skandalös. Wir tun alles, um Journalisten sachlich aufzuklären. In diesem Zusammenhang erhoffen wir uns viel vom Engagement des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR). Fast zeitgleich veröffentlichte nämlich das BfR die Ergebnisse einer Umfrage. Diese belegt eindeutig, dass der Verbraucher die Verwendung und die gesetzliche Regulierung von Pflanzenschutzmitteln falsch einschätzt. Wissenschaftliche Informationen kommen bei den Verbrauchern einfach nicht an. Das BfR will deshalb seine Zusammenarbeit mit Multiplikatoren, beispielsweise aus Landwirtschaft, Industrie sowie Verbraucher- und Umweltverbänden, verstärken.

Aber auch die Presse muss sich der eigenen Verantwortung im Umgang mit dem sensiblen Bereich der Ernährung und Lebensmittelsicherheit bewusster werden. In der heutigen Medienlandschaft müssen wissenschaftlich fundierte Aussagen immer wieder Skandalisierungen Platz machen. Das ist keine verantwortungsvolle Pressearbeit, sondern ein Kampf um Schlagzeilen.
Greenpeace hat sich im Übereifer selbst vom Platz gestellt. Statt das Spiel mit den Ängsten und Sorgen der Verbraucher auf die Spitze zu treiben, sollte man sich auf die eigenen satzungsgemäßen Zwecke konzentrieren. Für konstruktive Gespräche auf Basis wissenschaftlich belegter Fakten sind wir jedenfalls gerne bereit!

Über den Autor

Jörg Disselborg, Berlin, E-Mail: disselborg-obstbau@g-net.de Dr. Annette Urbanietz, Bonn, E-Mail: urbanietz-obstbau@g-net.de

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 09/2010

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