Fachgruppe

Dr. Annette Urbanietz

Rahmenbedingungen für den Betriebserfolg gestalten

Delegiertentagung 2016 der Bundesfachgruppe Obstbau in Grünberg

Höchstes Gremium zur Beschlussfassung richtungsweisender Entscheidungen ist die Delegiertentagung der Bundesfachgruppe Obstbau, die 2016 vom 1. bis 2. Dezember in der Bildungsstätte Gartenbau in Grünberg tagte.

    Fotos

  • Foto 2: Ist der Berufsstand wirklich machtlos gegenüber dem LEH?“ hinterfragte Jens Stechmann, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau. „Letztendlich ist er auf unsere Produkte angewiesen. Wir dürfen uns hier nicht länger gegeneinander ausspielen zu lassen.“ (Fotos: Urbanietz)
    Foto 2: Ist der Berufsstand wirklich machtlos gegenüber dem LEH?“ hinterfragte Jens Stechmann, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau. „Letztendlich ist er auf unsere Produkte angewiesen. Wir dürfen uns hier nicht länger gegeneinander ausspielen zu lassen.“ (Fotos: Urbanietz)
  • Foto 3: Ulrich Buchterkirch, Vorsitzender der Fachgruppe Obst im Landvolk Niedersachsen berichtete über die Sondergebietsregelung Altes Land.
    Foto 3: Ulrich Buchterkirch, Vorsitzender der Fachgruppe Obst im Landvolk Niedersachsen berichtete über die Sondergebietsregelung Altes Land.
  • Foto 4: „Die Betriebe in unseren Nachbarländern haben in Sachen Risikoabsicherung einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren deutschen Kollegen“, verdeutlichte Dr. Rainer Langner, Vorstandsvorsitzender Vereinigte Hagelversicherung VVaG.
    Foto 4: „Die Betriebe in unseren Nachbarländern haben in Sachen Risikoabsicherung einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren deutschen Kollegen“, verdeutlichte Dr. Rainer Langner, Vorstandsvorsitzender Vereinigte Hagelversicherung VVaG.

Die wichtigsten Themen in diesem Jahr waren Möglichkeiten der Risikoabsicherung, die aktuelle Vermarktungssituation, das Verbundvorhaben Lückenindikation und die Öffentlichkeitsarbeit.

 

Stechmann wiedergewählt

Aber zunächst standen wichtige Verbandsregularien an: Es ging um Haushaltsfragen, den Bericht des Vorsitzenden Jens Stechmann und dem der Rechnungsprüfer sowie dem Rechenschaftsbericht des Geschäftsführers Jörg Disselborg. Dann wurde neu gewählt: Die Position des Vorsitzenden, eines seiner Stellvertreter sowie eines Rechnungsprüfers standen an.

 

Einstimmig wurde Jens Stechmann als Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau bestätigt. Die Delegierten dankten ihm für seine äußerst engagierte und erfolgreiche Arbeit und sprachen ihm für weitere drei Jahre ihr Vertrauen aus.

 

Ebenso einstimmig sprachen sich die Delegierten für eine weitere Amtszeit seines Stellvertreters Norbert Schäfer (Rheinland-Nassau) aus. Gemeinsam mit den beiden anderen Stellvertretern Gerd Kalbitz (Sachsen) und Franz Josef Müller (LVEO) war und ist er eine wichtige Stütze für die Arbeit des Vorsitzenden.

 

Die Delegierten dankten Kathrin Walter (LVEO) für ihre Arbeit als Rechnungsprüferin. Ihren Platz wird für die nächsten drei Jahre Georg Boekels (Rheinland) übernehmen. Ulrich Harms (Hamburg) und Philip Moser (Sachsen-Anhalt) bleiben hier turnusmäßig weiter im Amt.

 

Ein ereignisreiches Jahr

Jens Stechmann blickte in seinem Bericht auf ein ereignisreiches Jahr 2016 zurück. Aber das könne man eigentlich über jedes Jahr sagen und werde wohl auch so bleiben, wie er betonte. Die Grundstimmung im Berufsstand könnte besser sein, stellte er fest und nannte nur die Stichpunkte Witterung, Vermarktung und Kirschessigfliege. Und zudem haben immer mehr Obstbauern das Gefühl, in der Öffentlichkeit nicht wirklich ernst genommen zu werden, der Situation machtlos gegenüber zu stehen. „Aber ist der Berufsstand wirklich machtlos?“ hinterfragte Jens Stechmann. „Wir müssen selber aktiv sein! Der Lebensmitteleinzelhandel ist auf unsere Produkte angewiesen. Wir dürfen uns deshalb nicht weiter gegeneinander ausspielen zu lassen.“ Als Lösung regte er die Schaffung eines gemeinsamen Verkaufsbüros an. „Denn wir sind nicht machtlos. Wir müssen nur enger und vertrauensvoller miteinander zusammenarbeiten.“

 

Als wichtigen Faktor nannte er die Arbeit des Bundesausschusses Obst und Gemüse, dessen Arbeit auch er vor seinem Amtsantritt oft unterschätzt habe. Aber dem gemeinsamen Gremium von Obst und Gemüse stehen zahlreiche Türen offen, in die der Obstbau alleine nie hereinkäme. Professionalität und Rationalität seien wichtige Schlagworte für die berufsständische Arbeit der Zukunft. Deshalb gelte es, die Kräfte zu bündeln, Strukturen zu optimieren und eine inhaltliche Neuorganisation der Arbeit anzugehen. Dies sieht Jens Stechmann als eine äußerst dringliche Sache, die nicht aufgeschoben werden dürfe. Er bat die Delegierten, sich konstruktiv Gedanken zu machen und Vorschläge an ihn heranzutragen.

 

„Wir brauchen eine gut aufgestellte berufsständische Vertretung, eine gut ausgestattete Grundlagenforschung genauso wie eine praxisorientierte Forschung, eine angepasste Ausbildung und eine faktenorientierte Politik“, fasste der Vorsitzende zusammen. „Denn nur mit praxisgerechten Rahmenbedingungen wie angepassten Marktstrukturen, Umwelt- und Sozialstandards mit Augenmaß und der Möglichkeit von Risikoausgleichsrücklagen wird auch in Zukunft Obst aus heimischem Anbau in den Supermarktregalen angeboten werden können.“

 

In Bezug auf die anstehenden Bundestagswahlen ermunterte Jens Stechmann alle Betriebe: „Holen Sie die Bundestagskandidaten in ihre Betriebe, laden Sie sie zu ihren Veranstaltungen ein – und das ganz unabhängig von der Partei, zu der sie gehören. Denn nur wenn die politischen Entscheidungsträger wissen, was wir machen, können sie auch praxisgerechte Entscheidungen treffen.“

 

Verbundprojekt Lückenindikation

Dr. Norbert Laun, DLR Rheinpfalz, gab einen Überblick über das Verbundvorhaben Lückenindikation. Er zeigte Lückenstrukturen in Deutschland und in der EU auf und erläuterte, welche Arbeitsgebiete sich daraus für das Verbundvorhaben ergeben. Am Beispiel Kirschessigfliege zeigte er exemplarisch, wie darin durch Recherche, Kommunikation und Datentransfer wichtige Arbeit geleistet wird. Für ihn gehöre zum berufsständischen Engagement das Erschließen von Lückenindikationen einfach dazu, wie er betonte. Er könne deshalb das Engagement seiner Berater im Ministerium gut vertreten, weil er sagen könne, dass sich der Berufsstand in der gleichen Richtung engagiert.

 

Jens Stechmann lobte das Verbundprojekt, es mache gute Arbeit, wie es beispielweise gerade bei der Kirschessigfliege geschehe. „Nun müssen wir nur noch der Regierung klarmachen, dass wir das Projekt langfristig brauchen. Wir haben lange für eine Finanzierung gekämpft, deshalb müssen wir jetzt die nächsten drei Jahre gestalten.“ Er stellte das Finanzierungsmodell des Berufsstandes ab dem Jahr 2018 vor, dass in der folgenden Abstimmung von den Delegierten einstimmig beschlossen wurde.

 

Sondergebietsregelung Altes Land

Ulrich Buchterkirch, Vorsitzender der Fachgruppe Obst im Landvolk Niedersachsen berichtete äußerst anschaulich über die Sondergebietsregelung Altes Land, beschrieb Hintergründe und legte dar, wie viel Engagement von allen Seiten notwendig gewesen ist, um die Regelung so zu gestalten, dass Obstbau im Alten Land auch zukünftig noch möglich sein wird. „Es war elementar wichtig, dass alle Beteiligten, auch die Naturschutzverbände, bei der Beschlussfindung an einem Tisch saßen“, stellte er fest. „Denn jetzt in der Umsetzungsphase kann keiner mit dem Finger auf die Obstbauern zeigen. Der Berufsstand war bei sämtlichen Ressortabstimmungen dabei und musste immer wieder fachlich richtigstellen. Es war erschreckend, mit wenig Fachwissen teilweise agiert wurde, um gesetzähnliche Vereinbarungen zu erarbeiten.“ Die unbefristete Geltungsdauer und die damit verbundene Planungssicherheit, die ein Dauerkulturbetrieb einfach braucht, war für ihn dabei der wichtigste und am schwersten durchzusetzende Punkt.

 

Die Sondergebietsregelung regelt Abweichungen von den mit der Zulassung festgelegten Gewässerabstandsauflagen für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Mehr als 90 % der Altländer Obstbauern sehen die Verordnung als Möglichkeit, an ihrem Standort langfristig erfolgreich Obstbau betreiben zu können. Aber die kontinuierliche Überwachungssituation führe nicht dazu, dass die Stimmung im Gebiet besser werde, wie Ulrich Buchterkirch berichtete.

 

Risikoabsicherung

„Wetter ist unheimlich komplex, aber natürlicher Teil des Produktionsrisikos“, verdeutlichte Dr. Rainer Langner, Vorstandsvorsitzender Vereinigte Hagelversicherung VVaG. „Extremwetterlagen gab es schon immer, deshalb wurde die Hagelversicherung ja vor fast 200 Jahren vom Berufsstand gegründet. Aber mittlerweile gibt es einen ungebrochenen Trend der weltweiten Temperaturerwärmung und, damit verbunden, ein steigendes Risiko für den Produzenten.“ Er machte deutlich, welche Versicherungslösungen derzeit existieren und welche darüber hinausgehenden Risikoabsicherungen sinnvoll wären und zeigte, dass drei viertel aller Länder den Risikoschutz ihrer Landwirte vor Wetterextremen mit europäischen und/oder nationalen Mitteln fördern. Sein Fazit: Die Betriebe dort haben einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren deutschen Kollegen. Aber Deutschland ist klimatisch gesehen keine Insel! Jens Stechmann formulierte deshalb die Forderung des Berufsstands an die Politik: „Auch wir brauchen die Förderung einer Mehrgefahrenversicherung im Obstbau!“

 

Öffentlichkeitsarbeit

Es ist extrem wichtig, dass die Leistungsfähigkeit des deutschen Obstbaus stärker öffentlich gemacht wird, damit der Verbraucher nicht irgendwann die geleistete Arbeit Obstbauern nicht mehr zu schätzen weiß. Deshalb wurde auf den Wunsch der Delegierten von der Bundesfachgruppe Obstbau eine Initiative zur Öffentlichkeitsarbeit gestartet. Viele Obstbauern sind dem Spendenaufruf gefolgt und haben damit eine auf Presse- und Social-Media-Arbeit basierte Öffentlichkeitsarbeit für ein Jahr ermöglicht. Erste Meldungen sind bereits lanciert und von Verbrauchermedien übernommen worden. „Wir stehen aber erst am Anfang, die Journalisten müssen sich erst daran gewöhnen, dass sie mit dem Grünen Medienhaus nun einen neuen Ansprechpartner für das Thema Obst haben“, erläuterte Jörg Disselborg. Die Delegierten diskutierten daraufhin die Finanzierung über das Jahr 2017 hinaus. Sie kamen zu dem Ergebnis, mit einem erneuten Spendenaufruf für die Fortführung des Projektes zu werben. „Von über 5.000 Obstbaubetrieben in Deutschland sind dem Aufruf 500 gefolgt, da ist noch Luft nach oben“, waren sich die Delegierten einig.

Über den Autor

Dr. Annette Urbanietz, Klein-Altendorf, E-Mail: urbanietz-obstbau@g-net.de

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 01/2017

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