Fachgruppe

Dr. Leonhard Steinbauer, Dr. Matthias Görgens

Grundsätze der Finanzierung

Mit geschickter Krisenbewältigung Liquiditätsengpässen vorbeugen

Der Weg in die Insolvenz verläuft eigentlich immer nach demselben Schema: Ein Betrieb gerät in eine strategische Krise und handelt nicht bzw. nicht richtig.

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  • Abb. 1: Der Weg in die Insolvenz
    Abb. 1: Der Weg in die Insolvenz
  • Abb. 2: Berechnung des Vorteils von Skonti
    Abb. 2: Berechnung des Vorteils von Skonti
  • Abb. 3: Entwicklung der Agrarpreisindizes, ausgehend vom Jahr 2010 (= 100)
    Abb. 3: Entwicklung der Agrarpreisindizes, ausgehend vom Jahr 2010 (= 100)
  • Abb. 4: Entwicklung der Preisindizes EVP und APE
    Abb. 4: Entwicklung der Preisindizes EVP und APE

Darauf folgen eine Ertragskrise und letztendlich die Liquiditätskrise, an deren Ende die Insolvenz steht. Kennzeichnend dabei ist, dass von Krise zu Krise der Handlungsspielraum kleiner wird. Wie kann dieser Situation effektiv aus dem Weg gegangen werden?

 

Überlegt investieren

Vor jeder Finanzierungsmaßnahme müssen drei Auswirkungen einer Investition positiv erwartet werden können:

• die Stabilität (Existenzsicherheit des Betriebes),

• die Liquidität (rechtzeitige Zahlungsmöglichkeit aller Forderungen) und

• die Rentabilität (Wirtschaftlichkeit der Investition).

 

Dafür sind die folgenden drei Fragen mit gegebener Vorsicht zu beantworten:

1. Gibt es wesentliche Umstände, die in absehbarer Zeit existenzbedrohende Auswirkungen haben können?

2. Habe ich genug liquide Mittel, damit ich auch in Zukunft allen Zahlungsverpflichtungen nachkommen kann?

3. Ist die zu erwartende Rendite meiner Investition höher als die Tilgungsra
ten, die ich in der Zukunft zu bedienen habe?

 

Bei jeder Investition gilt der Grundsatz, dass langfristig gebundene Vermögensteile (z. B. Grund und Boden, Gebäude, Maschinen und Betriebsausstattung) mit Eigenkapital oder langfristig gebundenem Kapital finanziert werden sollen. Dabei müssen risikoreiche Investitionen ausnahmslos nur mit Eigenkapital finanziert werden!

 

Betrieb zukunftsfit ausrichten

In Zeiten mit verstärktem Wettbewerbsdruck sind zunächst folgende Schritte zwingend notwendig: Zuerst müssen alle Einsparungspotenziale im Betrieb ausgeschöpft und die Kosten der Produktion gesenkt werden. Daneben ist die Steigerung der produzierten Qualitäten und des Hektarertrages eine weitere Möglichkeit, die betriebliche Situation zu verbessern. Erst in der Folge können dann gesunde Veränderungsschritte bei der Weiterentwicklung gesetzt werden, um den Betrieb zukunftsfit auszurichten.

 

Relativ leicht anzuhebende Einsparpotenziale liegen in den Finanzierungskosten, denn das Zinsumfeld ist derzeit auf einem historisch niedrigen Niveau. Dafür sind Verhandlungen mit der Hausbank notwendig. In der Vorbereitung muss ein detaillierter Liquiditätsplan erarbeitet werden, der den Kapitalbedarf und die Rückflüsse über die Monate möglichst präzise darstellt. Daraus ergibt sich der notwendige Überziehungsrahmen, dessen Konditionen auszuhandeln sind. Für die Kosten sind der effektive Zinssatz, eventuelle Bereitstellungsgebühren und die Kontoführungsspesen maßgeblich. Vor den Verhandlungen mit der Hausbank sollte sich der Betriebsleiter auch von anderen Banken Angebote einholen. So bekommt er/sie einen Überblick über aktuelle, marktübliche Konditionen. Daneben sollte auch die Überlegung angestellt werden, welche Sicherheiten der Betrieb anbieten kann oder möchte. Je höher die Sicherheiten ausfallen, desto günstiger kann die Bank die Konditionen gestalten.

 

Kurzfristige Überbrückungskredite

Grundsätzlich darf der Überziehungsrahmen nur kurzfristig und ausschließlich für Betriebsmittelfinanzierungen verwendet werden. Niemals dürfen Investitionen in das Anlagevermögen über das Girokonto finanziert werden!

 

Bei großen zu finanzierenden Beträgen (z. B. die quartalsmäßigen Sozialversicherungsbeiträge oder der Pflanzenschutzmittel-Jahreseinkauf) ist auf die Wertstellung am Konto zu achten. Die Wertstellung, auch „Valuta“ genannt, bezeichnet im Bankwesen die Festsetzung des Kalenderdatums, an dem eine Gutschrift auf einem Konto wirksam, beziehungsweise zinswirksam wird. Die Wertstellung am Girokonto erfolgt nur bei Privatkunden taggleich am Konto. Bei Unternehmen müssen Kreditinstitute die Beträge spätestens am auf die Verfügbarkeit folgenden Werktag auf dem Empfängerkonto berücksichtigen; bei Überweisungen im europäischen Raum spätestens nach drei Tagen. Lastschriften werden jedenfalls am selben Tag wirksam.

 

Achtung: Jedes Überziehen über den vereinbarten Rahmen hinaus – wenn auch nur für einen Tag – verursacht hohe Kosten sowohl für den Betrieb als auch für die Bank!

Angebotene Skonti sind, auch wenn man dafür den Überziehungsrahmen braucht, auf jeden Fall auszunutzen. Für die Berechnung des Vorteils gibt es eine einfache Formel (s. Abb. 2). Bei einem Zahlungsziel von vier Wochen und einem Skonto von 2 % bei 14 Tagen Frist ergibt sich eine effektive Verzinsung von mehr als 51 %!

 

Langfristige Investitionen

Bei der Finanzierung langfristiger Investitionen sollte die benötigte Kredithöhe genau bekannt sein. Nachträgliche Erhöhungen des Kreditrahmens kosten auf jeden Fall Zeit und erfordern eine nochmalige Prüfung der Bonität. Die Laufzeit des Kredites darf niemals länger sein als die wirtschaftliche Nutzungsdauer des Investitionsobjektes, fachlich spricht man von einer Fristenkongruenz.

 

Mit der Bank verhandeln Sie nicht als Bittsteller, sondern als wertvoller Kunde, den die Bank mit ihrem Produkt „Kredit“ gewinnen möchte! Transparenz ist dabei sehr wichtig. Stellen Sie ihren Betrieb dar, ein Vergleich mit anderen Betrieben, z. B. in Form eines Betriebsvergleichs oder Beratungsbriefs, kann Ihnen zu günstigen Kreditkonditionen verhelfen. Nehmen Sie zu den Bankgesprächen dieses Dokument und Unterlagen wie Buchabschlüsse oder eine Betriebsbeschreibung mit. Des Weiteren sollten Sie über ihre Erntemengen (ob am Baum oder im Lager) genauestens Bescheid wissen, da die Banken gerne Wirtschaftspläne für mindestens ein Jahr erstellen.

 

Wie beim Überziehungsrahmen sollte überlegt werden, welche Sicherheiten angeboten werden sollen und von mehreren Banken Angebote einholen. Banken beleihen bis zu 60 % des Verkehrswertes. Der Obstbauer sollte diese Beleihungsgrenze aber strikt meiden, da Außenstände in dieser Höhe im heutigen Umfeld der Landwirtschaft kaum tilgbar sind. Entscheidend für den Abschluss ist die effektive Jahresverzinsung, bei der zum angegebenen Zinssatz der Bank auch sämtliche Spesen mit eingerechnet werden müssen.

 

Die nachhaltige Kapitaldienstgrenze

Ratengeschäfte sind grundsätzlich abzulehnen. Sie sind in der Regel die teuerste Finanzierungsform, da meist keine Preisreduktionen gegenüber dem Listenpreis in Abzug gebracht werden. Daneben stellen sich folgende Fragen:

• Kann ich in Zukunft die vertraglich vereinbarten Kreditraten auch aufbringen?

• Kann ich mir die laufende Rückzahlung meiner Kredite auch leisten?

 

Deshalb ist die Ermittlung der nachhaltigen Kapitaldienstgrenze unerlässlich! Die Kapitaldienstgrenzen errechnen sich nach folgendem Schema:

Erträge aus der Land- und Forstwirtschaft minus die Aufwendungen ergeben die Einkünfte aus diesem Bereich; addiert man dazu Nebeneinkommen und Sozialtransfers, ergibt sich das Haushaltseinkommen.

 

Weeden davon der Privatverbrauch, Sozialversicherungsbeiträge und die Tilgung bestehender Kredite abgezogen, ergibt sich der Wert für die nachhaltige Kapitaldienstgrenze.

 

Für die Ermittlung der Kapitaldienstgrenze sollten vorsichtige Annahmen getroffen werden. Auf jeden Fall müssen realistische Zahlen eingesetzt werden.

Ein Grundsatz ordnungsgemäßer Buchführung ist, dass

• Umlaufvermögen nach dem strengen Niederstwertprinzip,

• Anlagevermögen nach dem gemilderten Niederstwertprinzip und

• Verbindlichkeiten und Rückstellungen nach dem Höchstwertprinzip

bewertet werden. Da sich die Agrarpreisindizes in den letzten Jahren auseinanderentwickelt haben, ist bei der Einschätzung der Kapitaldienstgrenze Vorsicht angezeigt.

 

Zahlungsfähigkeit in wirtschaftlich angespannten Jahren

In Krisensituationen kann zur nachhaltigen Kapitaldienstgrenze die Absetzung für Abnutzungen (AFA) für Gebäude hinzugerechnet werden, um die mittelfristige Kapitaldienstgrenze zu erhalten. Diese mit der AFA für Maschinen und Geräte ergänzt, ergibt die kurzfristige Kapitaldienstgrenze. Es ist angezeigt, ab einer über 80-prozentigen Auslastung der kurzfristigen Kapitaldienstgrenze eine betriebswirtschaftliche Spezialberatung in Anspruch zu nehmen.

 

Auch in wirtschaftlich erfolgreichen Jahren sollte bei Investitionsentscheidungen der zu leistende Kapitaldienst mit Blick auf die Zukunft vorsichtig kalkuliert werden, damit in wirtschaftlich angespannten Jahren die Rückzahlung der Kredite die Liquidität nicht zu sehr einschränkt. In der betriebswirtschaftlichen Beratungspraxis fallen oft Situationen auf, die es Betrieben in angespannten Jahren nicht ermöglichen, den Kapitaldienst gegenüber der Bank zu leisten. Dann bestimmt das Kreditunternehmen den Handlungsrahmen der Betriebe und zwingt diese zu Entscheidungen, die sehr unbequem sein können – wie
z. B. den Verkauf von stillen Reserven wie Immobilien oder Land. Das wäre dann die Stufe direkt vor einer Insolvenz. Kommt es zur Insolvenz, hat der Betriebsleiter keinen Handlungsspielraum mehr.

Über den Autor

Dr. Leonhard Steinbauer, Versuchsstation Obst- und Weinbau Haidegg, Ragnitzstraße 193, 8047 Graz, Österreich, Tel.: 0043316 877–6610, E-Mail: leonhard.steinbauer@stmk.gv.at Dr. Matthias Görgens, ESTEBURG-Obstbauzentrum Jork, Moorende 53, 21635 Jork, Tel.: 04162 6016-155, E-Mail: matthias.goergens@lwk-niedersachsen.de

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 04/2018

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