Editorials

Jens Stechmann, Jörg Disselborg

Zukunft zulassen

In Medizin und Pharmazeutik wird Gentechnik selten hinterfragt.

Keinen interessiert, dass das Gen für Humaninsulin in Bakterien eingebracht wurde und auf diese Weise heute in industriellem Maßstab produziert werden kann. Oder dass der Käse mit gentechnisch produziertem Lab fermentiert wurde.

 

Im Pflanzenbau ist Gentechnik hingegen seit jeher umstritten. Gegner betonen die Risiken für Mensch und Umwelt, Befürworter bezeichnen Gentechnik als „Schlüsseltechnologie“ beim Kampf gegen Armut und Hunger. Neutrale wissenschaftliche Studien gibt es kaum. Das Ziel wird nicht selten vom Auftraggeber vorgegeben: Die in den USA sehr starke Lobby der Saatgutindustrie will ihre Produkte bestmöglich auf dem Markt platzieren. In Europa hingegen überwiegt die spendenbasierte Lobbyarbeit von NGO’s wie Greenpeace, BUND oder NABU. Sie warnen vor den Risiken für Mensch, Tier und Umwelt und können sich dabei auf einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung stützen.

 

Im Obstbau ist das noch Zukunftsmusik. Das bedeutet nicht, dass nicht weltweit an der Entwicklung von transgenen Obstsorten gearbeitet wird. Jedoch verläuft die Forschung hier langsamer und überlegter. Alle Formen der Züchtungsforschung verfolgen sogar die gleichen Ziele: Resistenz, Fruchteigenschaften, Blüh- und Reifezeitpunkt, Frosttoleranz.

Doch welche Vorteile bringt die Gentechnik, wenn alle Ziele auch mit Hilfe konventioneller Kombinationszüchtung erreichbar sind?

 

Im Apfelanbau beispielsweise fordert der Verbraucher rückstandsfreie Früchte. Gleichzeitig haben die Verbraucher, anders als bei Steinobst oder Beerenobst, genaue Sortenpräferenzen. Diese beliebtesten Sorten sind aber sehr anfällig.

 

Wird die konventionelle Züchtung genutzt, um Resistenzen aus Wildarten und robusten Kultursorten einzukreuzen, wird das Produkt eines Jahrzehnte dauernden Zuchtprozesses eine völlig neue Sorte sein, die entsprechend am Markt eingeführt werden muss.

 

Mit gentechnischen Methoden ist es hingegen möglich, in relativ kurzer Zeit Gene in am Markt etablierte Sorten einzuschleusen. Im Obstbau setzt man dafür mittlerweile auf apfeleigene Gene. Die gentechnisch veränderte Sorte enthält somit am Ende also nur arteigene Resistenzgene, die auch mit konventioneller Züchtung übertragen werden könnten. Deshalb wird das Produkt nicht als „transgen“ (trans = jenseits der Artgrenzen), sondern als „cisgen“ (cis = diesseits) bezeichnet. Die Markteinführung würde entfallen – ein ‘Gala’ bliebe ein ‘Gala’, nur müsste man ihn weniger spritzen.

 

Weniger Pflanzenschutzmittel, die gleiche Sorte und keine artfremden Gene – da müsste doch jeder Verbraucher sofort „Ja!“ schreien? Nicht unbedingt. Das unterschwellige Unbehagen in Bezug auf gentechnisch veränderte Lebensmittel ist bei Obst noch viel stärker ausgeprägt als bei verarbeiteten Produkten. Da helfen auch noch so wissenschaftlich fundierte Argumente nicht: „Ich muss gar nicht begründen, warum ich Gentechnik ablehne. Es ist mein gutes Recht, frei zu entscheiden, was ich esse“, heißt es dann.

 

Aber im weltweiten Vergleich stehen wir mit dieser Haltung weitgehend alleine da. Gentechnik ist auf dem Vormarsch. Deutschland und Europa werden nicht auf Dauer die Insel der Glückseligen bleiben. So erhielt Monsanto z. B. im November 2013 die Genehmigung, nach Europa den Mais „SmartStax“ als Lebens- oder Futtermittel einführen zu dürfen. In das Gewächs haben Biologen mehrere Gene fremder Arten eingeschleust, sodass die Pflanze nun sechs verschiedene Insektengifte produziert und resistent gegen zwei Herbizide ist.

Anbau nein – aber Konsum ja? Die Diskussion um die Kennzeichnungspflicht von gentechnisch veränderten Bestandteilen von Lebensmitteln ist in vollem Gang. Ist ein Rind, das mit transgenem Mais gefüttert wurde, vermarktungsfähig? Der Verbraucher müsse die Wahl haben, ob er die mit Gentechnik verbundene Wirtschaftsweise durch einen Kauf unterstützen möchte – auch wenn das Produkt selber keine transgenen Bestandteile mehr enthält. So argumentieren Verbraucherschützer.

 

Vor der gleichen Situation stünde der Obstbau auch, wenn cisgene Sorten einmal zur Marktreife gebracht würden. Wird der Verbraucher die Früchte akzeptieren? Viele von uns würden diese Frage spontan mit „nein“ beantworten. Aber können wir es uns wirklich leisten, uns dieser neuen Technologie langfristig zu verschließen? Es ist wichtig, dass wir als Berufsstand möglichst bald klar Position zur Gentechnik im Obstbau beziehen:

Lehnen wir sie ab oder befürworten wir sie?

Unterscheiden wir zwischen trans- und cisgenen GVO‘s?

Unterstützen wir die angewandte Forschung in ihrem Ansinnen, cisgene Linien von eingeführten Sorten zu erstellen?

Soll der Berufsstand die Zulassung cisgener Sorten für den deutschen Anbau befürworten bzw. vorantreiben?

Oder sollen wir auf Sorten aus konventioneller Züchtung bestehen und gemeinsam die Markteinführung neuer Sorten unterstützen?

 

Diese Fragen werden wir zeitnah in allen Gremien auf Landes- und Bundesebene diskutieren müssen. Offen, ohne ideologische Vorbehalte und auf Basis valider Fachinformation.

Letztendlich aber wird doch der Verbraucher entscheiden, denn nur wenn wir unsere Früchte auch verkaufen können, kann Gentechnik eine Chance für die Zukunft sein.

 

 

Jens Stechmann                            Jörg Disselborg
- Bundesvorsitzender -                 - Geschäftsführer - 

 

Herkunft

Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 06/2014

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