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Leitartikel Februar 2010

Erneute Preissenkungsrunde - Provokation auch für den Obstbau!

Nirgends sonst in Europa ist das Preisniveau für Lebenmittel so niedrig wie hier in Deutschland. Der Wettbewerb wird in einer unglaublichen Härte zu Lasten der Landwirte und Gärtner ausgefochten. Und ständig fragen wir uns, ob gesundes Obst heute nichts mehr wert ist? Um 1900 konnte ein Landwirt mit seinen Produkten etwa vier Personen ernähren. 1950 ernährte er zehn und 2007 sogar 133 Personen. Versorgungssicherheit und Qualität unserer Produkte sind nicht zum Nulltarif zu erhalten. Hochwertiges Obst, unter hohen Umwelt- und Sicherheitsstandards erzeugt, muss seinen Preis haben. Mit der 13. Preissenkung in zwölf Monaten bei Lebensmitteln hat es fast den Anschein, dass der LEH die Existenz von Landwirten und Gärtnern zerstören will. Der Lebensmittelhandel muss verantwortungsbewusster reagieren. Der Verbraucher ist doch schon relativ abgestumpft gegenüber dem ruinösen Preistreiben; es wird nicht mehr gekauft. Das Leid haben aber die Produzenten zu dulden!

Der Anteil der Nahrungsmittelausgaben an den gesamten Konsumausgaben der privaten Haushalte lag im Jahr 1962 noch bei 29 %. Heute beträgt dieser Anteil nur noch 11 %. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass sich Qualität und Verarbeitung der Nahrungsmittel enorm verbessert haben. Auch der Verbraucher kann also zur Entlastung der Gesamtsituation beitragen. Laut einer Umfrage der WELT sind 59 % von rund 1.200 befragten Personen bereit, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben, wenn dies direkt beim Erzeuger ankommt. So wünschenswert kann nur der aufgeklärte Verbraucher agieren. Regionalität spielt im Bewußtsein der Kunden eine große Rolle. Deshalb müssen frische und verarbeitete Produkte auch entsprechend gekennzeichnet werden!

Jetzt ist auch Brüssel aufmerksam geworden: Europas Handelsriesen müssen sich wegen teils unerklärlich hoher Gewinnmargen auf gesetzliche Schritte einstellen. Das machten die europäischen Agrarminister bei einem Treffen in Brüssel klar. Man könnte annehmen, die derzeitige Ratspräsidentin aus Spanien hätte sich mit uns ausgetauscht. Denn schließlich fordert auch Sie, eine gerechte Aufteilung der Wertschöpfung entlang der gesamten Lebensmittelkette. Denkbar sei hier beispielsweise eine Änderung der Marktordnung, um Ausnahmen vom Kartellverbot zu ermöglichen. Damit können die Produzenten eine stärkere Verhandlungsmacht gegenüber dem Handel erreichen. Eine solche Änderung der Marktordnung fordert die Fachgruppe Obstbau unlängst auch für den Obstsektor. Dies könnte dann auch den Export erleichtern und ein weiteres Zurückdrängen von Importware ermöglichen.

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner machte in ihrer Eröffnungsrede zur Grünen Woche deutlich, dass die Landwirtschaft der Zukunft - und so auch der Obstbau - immer stärker den Anforderungen globaler Agrarmärkte gerecht werden müsse. Aber was bedeutet dies für uns?

  • Wir werden uns weiterhin dem Auf und Ab bei den Preisen der Agrarrohstoffe anpassen müssen.
  • Wir müssen bei der Erzeugung von qualitativ hochwertigem Obst in komplexen Wertschöpfungsketten denken.
  • Wir werden weiter Lösungsvorschläge auf Fragen des Umgangs mit endlichen Ressourcen erarbeiten.

Das andauernde Drehen an der Preisschraube könnte im schlimmsten Fall zu Lasten der Qualität gehen. Dies wollen wir unter allen Umständen verhindern. Den Erzeugern von gesundem und nachhaltig sicherem Obst dürfen keine weiteren Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Wir werden die Politik in die Pflicht nehmen, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Verhandlungsmacht der Landwirtschaft zu stärken. Lösungen zur Sicherung unserer Existenzen sind unabdingbar!

Gerhard Kneib

Jörg Disselborg

Vergangene Leitartikel aus dem Jahr 2010:

AUSGABE 02/2010
Titelbild OBSTBAU