Wissenswertes - Anbau
Entwicklung
Ende der achtziger Jahre wurde in Europa in vielen Obstbaugebieten der kontrollierte Integrierte
Anbau von Obst eingeführt, ausgelöst durch Südtirol, das 1988 ihre AGRIOS-Richtlinien
herausbrachte. 1989 folgte als erstes Anbaugebiet in Deutschland das Niederelbegebiet. Experten
aus den Anbauregionen haben unter Federführung der Bundesfachgruppe Obstbau bundeseinheitliche
Richtlinien erarbeitet, die den Standard für alle deutschen regionalen Richtlinien darstellen.
Heute dürften in Deutschland ca. 80 % des Kernobstes und 50 - 60 % des Steinobstes nach
verbindlichen Richtlinien für den umweltschonenden, kontrollierten Integrierten Anbau erzeugt
werden.
Inhalte
Das Inhaltsverzeichnis der "Richtlinien für den kontrollierten Integrierten Anbau von
Obst in der Bundesrepublik Deutschland" zeigt, welche Gesamtkonzeption zugrunde
liegt, von Anbaufragen, über Dokumentation der durchgeführten Maßnahmen
bis hin zur Kennzeichnung und Vermarktung der Erzeugnisse. Nur durch dieses klare Konzept war
eine Durchsetzung dieser Anbauform auf allen Ebenen möglich.
Produktionstechnisch ist der Integrierte Anbau ein umweltschonendes verfahren, das sich stärker
an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert und gegenüber der ökologischen Richtung
sich stärker wissenschaftlich orientiert. Es wird nur optimal aufgebautes Pflanzmaterial
empfohlen, das beim Apfel zudem noch virusfrei sein muß. Solange die Fruchtausfärbung
am Markt besser bewertet wird, werden bevorzugt rote Mutanten einer Apfelsorte gepflanzt, da diese
in der Kulturführung einfacher zu handhaben sind.
Neben bodenschonender Bearbeitung kommt der zielgerichteten Pflanzenernährung eine besondere
Bedeutung zu. Boden- und Blattanalyse erlauben eine gezielte Düngung, Grasstreifen-Kulturen
und minimierter Stickstoffeinsatz schließen meistens eine Nitratbelastung des Grundwassers
aus.
Auf dem sensiblen Feld des Pflanzenschutzes ruht in Deutschland das Konzept auf vier Säulen.
Es dürfen:
eingesetzt werden.
Wichtige Grundlage ist zudem die Beachtung des Schadschwellenprinzis.
Bestandteil der Richtlinien ist eine bundesweit verbindliche Pflanzenschutzmittelliste. Diese
wird unter Federführung der Bundesfachgruppe Obstbau jährlich aufgrund neuer Versuchsergebnisse
und Zulassungssituation aktualisiert. Diese Mittelliste wird jeweils Bestandteil der einzelnen
Landesrichtlinien.
Kontrollen
Die entscheidende Nahtstelle für die Ehrlichkeit des Konzeptes sind Kontrollen. Ein Integrierter
Obstanbau ohne ein ausgewogenes Kontrollsystem könnte leicht für einen Etikettenschwindel
ausgenutzt werden. In Deutschland vollziehen sich die Kontrollen in vier Schritten:
Bei eindeutigen Vergehen gegen Inhalte der Richtlinien werden nach einem Benotungssystem durch unterschiedlich besetzte Gremien auf der Erzeugerseite Ausschlüsse ausgesprochen. Hat die Betriebskontrolle keine Beanstandung ergeben, erhält der Obstbauer ein gesiegeltes Zertifikat. Für die Vermarktung des integriert erzeugten Obstes hat sich in Deutschland nahezu jede Anbauregion Gebietszeichen gegeben.
Förderung
Leider stagniert derzeitig die Flächenausweitung des Integrierten Obstanbaues. Das ist aus
Erzeugersicht verständlich; denn seine Vorleistungen im Sinne einer größeren Umweltrelevanz
für die gesamte Gesellschaft werden nicht honoriert. Der Handel hat die Ware aus Integriertem
Anbau kurzerhand zur Normalität erklärt. So werden gegenüber konventionell produzierter
Ware keine erhöhten Erzeugerpreise ausgezahlt.
Lediglich die Bundesländer Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern Rheinland-Pfalz,
Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fördern den Anbau nach der EU-Verordnung 2078.
Ausblick
Der überwiegende Teil der Obstbauern in Deutschland hat mit Hilfe seiner Beratung und seiner
verbandspolitischen Vertretung eine große Vorleistung im Hinblick auf eine umweltrelevante
Obstproduktion gebracht. Dadurch hat das heimische Obst einen klaren Imagegewinn beim Verbraucher
erfahren.
Bei der ,,Reform der gemeinsamen Marktorganisation für frisches Obst und Gemüse" (GMO)
hat man dem Rechnung getragen, indem zwei Säulen erkennbar werden. Einmal soll eine umweltschonende
Produktion und zweitens die Wirtschaftskraft von Regionen gefördert werden. Daher bleibt
einer Erzeugerorganisation in einer Region in Zukunft nichts anderes übrig, als ausschließlich
auf ökologisch oder integriert erzeugte Ware zu vermarkten. Vielleicht wird
so dem kontrollierten Integrierten Anbau endgültig zum Durchbruch verholfen.
Dr. Karl-Heinz Tiemann,
Leiter der Obstbauversuchsanstalt Jork
Westerminnerweg 22
24635 Jork
Telefon: 04162 / 60160
Telefax: 04162 / 601660
Geschäftsführer der Fachgruppe Obstbau im Bundesausschuß Obst
und Gemüse
Godesberger Allee 142 - 148
53175 Bonn
Telefon: 0228 / 810020
Telefax: 0228 / 8100264
AUSGABE 07/2010

Titelbild: Süßkirschen aus dem geschützten Anbau sind nach wie vor auf dem Vormarsch.
Leitartikel:
Gemeinsame Agrarpolitik - Zukunftspolitik der EU für Landwirtschaft und Gesellschaft
weiterlesen