Archiv-Meldung vom 05.12.2006
Stellungnahme der Fachgruppe Obstbau zur Greenpeace-Meldung "Illegale Pflanzenschutzmittel"
Greenpeace hat 2001 festgestellt, dass man mit Aktionen im Bereich Landwirtschaft öffentliches Aufsehen erregen und so den Fluss der Spendengelder verbessern kann. Die Organisation hat nun zum wiederholten Male den Pflanzenschutz ins Visier genommen. In einer medienwirksamen Aktion hat sie u.a. die banale Erkenntnis demonstriert, dass in Frankreich Pflanzenschutzmittel zu kaufen sind, die in Deutschland keine Zulassung haben.Dass deutsche Unternehmen im nahen Elsass Niederlassungen einrichten, um auch dort am Agrarhandel teilnehmen zu können, dagegen ist nichts einzuwenden. Beispielsweise können in Deutschland zugelassene Pflanzenschutzmittel dort – oft preiswerter als bei uns – legal erworben werden, wenn sie in identischer Form auch in Frankreich registriert und auf dem Markt sind und dort mit einer deutschen Gebrauchsanleitung versehen werden. Jeder Anbauer weiß, dass im Nachbarland Produkte vertrieben werden, die es bei uns nicht mehr gibt oder nie gab; er weiß aber auch, dass solche Mittel weder eingeführt noch angewendet werden dürfen.
Wenn jedoch in den deutschen Niederlassungen jenseits der Grenze bei uns nicht oder nicht mehr zugelassen Pflanzenschutzmittel, die weder eingeführt, gehandelt noch angewendet werden dürfen, geordert und sogar noch illegal über die Grenze gebracht und bei uns ausgeliefert werden, dann, ja dann muss der Handel auslöffeln, was er sich eingebrockt hat.
Der Berufsstand kann in keiner Weise solche Praktiken entschuldigen oder gar gut heißen. Sie sind Folge falsch verstandener Hilfe für den Kunden. Gesetzliche Vorschriften müssen eingehalten werden. Auch kann Greenpeace sich durch solche Praktiken als Anwalt der Verbraucher an vorderster Front gerieren. Illegales Handeln ist zu verurteilen, denn es trifft alle Erzeuger und schadet deren Ansehen. Die Bundesfachgruppe Obstbau verurteilt dies mit allem Nachdruck.
Zudem gibt es für den Erzeuger keinen Grund, sich mit nicht zugelassenen Mitteln aus dem Nachbarland zu versorgen und sie verbotswidrig anzuwenden. Für nahezu alle von Greenpeace erworbenen Mittel gibt es bei uns ausreichende Alternativen. Die Anstrengungen der letzten Jahre zum Schließen von Lückenindikationen waren sehr erfolgreich, die Genehmigungen nach §18 a und § 18 b Pflanzenschutzgesetz brachten nachhaltige Entlastungen.
Da es schwer ist, mit diesen Verstößen eine Gefährdung des Verbrauchers zu postulieren, muss mit reißerischer Diktion nachgeholfen werden. Zu den Fakten: In den 38 gekauften französischen Mitteln waren neun Wirkstoffe enthalten, die alle bei uns zugelassen waren. Ethion (oder Diethion, wie es in Frankreich genannt wird) und Bifenthrin gehören nicht hierzu. Der erstgenannte Stoff ist ein Phosphorsäureester aus früheren Zeiten, für den es bei uns nie einen Markt gab, wir brauchten ihn nicht. Für Bifenthrin jedoch läuft das Zulassungsverfahren. In der Schweiz ist es bereits registriert und kann in vielen Kulturen des Gemüse-, Obst- und Ackerbaus eingesetzt werden.
Besonders wichtig ist, dass für alle genannten Wirkstoffe Höchstmengen festgesetzt sind. Somit werden bei den Untersuchungen der Lebensmittelkontrolle auch diese Stoffe miterfasst. Es gibt hier keine Lücke, der Verbraucherschutz ist gewährleistet. Was aber sagt der Moderator Theo Koll von ZDF-Frontal: „Gift auf dem Teller! Krebserregende, nervenschädigende Stoffe durch die illegalen Geschäfte...“ Herr Koll weiß wohl nicht, wie viele Menschen er durch solche falsche und leichtfertige Aussagen verunsichert und sie vom Essen von Obst und Gemüse abhält.
Im Übrigen, was hier angeblich als Gift auf den Teller kommt, die Präparate dieser Stoffe sind im Nachbarland völlig legal auf dem Markt und können angewendet werden. Haben die Franzosen dann auch Gift auf dem Teller?
Besonders verwerflich ist auch der Hinweis von Herrn Koll auf frühere Untersuchungen von Beerenobst und Kirschen, wo er den Eindruck erweckte, als seien diese Stoffe schon nachgewiesen worden.
Durch die verdeckten Einkäufe der Organisation wird auch suggeriert, unsere Obst- und Gemüseanbauer seien wild auf die nicht zugelassenen Mittel des Nachbarn. Wie bereits erwähnt, es gibt keinen Anlass, keinen echten Bedarf. Wäre es dennoch anders, müssten Reste dieser Stoffe auch bei der Lebensmittelkontrolle auffällig werden. Dies trifft jedoch nicht zu. So hat das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz bestätigt, dass in den letzten beiden Jahren bei Obst und Gemüse kein illegaler Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen werden konnte. Wohl aber seien in ausländischen Proben die von Greenpeace genannten Wirkstoffe festgestellt worden. Auch in den Untersuchungen der Organisation waren bei Obst und Gemüse mit eindeutig deutscher Herkunft keine Rückstände nachweisbar, die auf den erhobenen Vorwurf des Einkaufs und Anwendung nicht zugelassener Mittel im Elsass zurückgeführt hätten werden können.
Also, Herr Krautter, wo ist der Beweis, dass deutsche Erzeuger massiv nicht zugelassene Mittel in Frankreich einkaufen und hier verbotenerweise anwenden? Sie haben eine Beweislücke!
Was bleibt?
Was bleibt von der ganzen Aktion? Eine weitere wichtig Erkenntnis bleibt und unterstreicht: Sie hätte nicht stattfinden können, hätten wir in der Europäischen Union auch im Pflanzensschutz einen gemeinsamen Markt. Es ist wichtig und dringend, dass die nationalen Zulassungen angepasst werden und die Wettbewerbsunterschiede verschwinden. Dabei ist besonderes Augenmerk darauf zu legen, dass zu beiden Seiten des Rheins gleiche Bedingungen für alle Erzeuger herrschen. Die in der EU geplante Drei-Zonen-Zulassung, wo Frankreich der Zone Süd und wir der Mitte zugeordnet sind, würde diese unhaltbaren Zustände fortschreiben. Geeignete Lösungen müssen gefunden werden.
Gerhard Kneib, Vorsitzender der Fachgruppe Obstbau
AUSGABE 06/2008

Titelbild: Dieser Himbeerzuchtklon steht in der Sortenprüfung der LVWO Weinsberg. Vielleicht
zukünftig eine neue Sorte?
Leitartikel:
Zum Pflanzenschutz bekennen undd gemeinverständlich thematisieren
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